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Rodeos und Gauchos

Am Ende der Carreterra Austral, in Villa O'Higgins kommen wir an einem Sonntag um 17.00 Uhr müde an. Wir staunen nicht schlecht, als das ganze Dorf sich hinter dem Polizeihäuschen in der Rodeo-Arena versammelt hat.
Chilenisches Rodeo findet traditionell in einer halbmondförmigen Arena statt, deren Masse genau definiert sind: Der Radius muss 22.5 Meter betragen. Genauso festgelegt sind die Übungen, die Pferd und Reiter vollbringen müssen. Anders als beim bekannten nordamerikanischen Rodeo geht es nicht darum, wilde Tiere mit dem Lasso einzufangen und einige Sekunden auf ihnen zu reiten, sondern vielmehr mit dem eigenen Pferd Geschicklichkeit und Dressur zu beweisen.
Für jede Übung werden Punkte vergeben, wer die meisten kassiert, hat gewonnen. Es beginnt mit einer Dressurübung: Schrittgang mit losem Zügel, angaloppieren aus dem Stand mit anschliessendem Galopp durch die gesamte Arena, und dieser Galopp muss mit einem direkten Stillstand und einer Wende auf den Hinterbeinen abschliessen, der nächste Galopp muss direkt folgen. All diese Übungen werden mehrfach wiederholt, dann wenn das Pferd richtig aufgedreht ist, muss es stillstehen. Stillstehen, während der Reiter absteigt, einige Schritte macht, wartet und wieder zum Pferd zurückkommt - die ganze Zeit stillstehen, ohne auch nur mit einem Huf zu zucken. Danach müssen je zwei Reiter versuchen, einen aufgeputschten Stier nur mit dem Pferd, ohne Peitsche oder Lasso, an einen bestimmten Punkt in der Arena zu treiben. Die beiden müssen schnell und sicher mit ihren Pferden umgehen und gut zusammenarbeiten: Während der eine den Stier nach vorne treibt, muss der andere versuchen, ihn langsam schräg an den festgelegten Punkt an der halbmondförmigen Einzäunung zu drängen - alles im Galopp.
Dabei ist nicht egal, wie das passiert. Es gibt Punkte für Stil und Aussehen: Der breitkrempige Hut darf natürlich nicht runterfallen, das weisse Hemd und der Poncho dürfen nicht verdrecken, die Stiefel werden vorher gewienert und die Sporen poliert. Auch darf nicht zu brutal mit den Pferden oder dem Stier umgegangen werden - Eleganz wird mit Pluspunkten belohnt. Die Sieger sind Helden.
(Datenquelle Reise KnowHow Chile)

Die Dressurübungen sind leider schon vorbei, doch der Teil mit dem Stier beginnt gerade. Wir nehmen unter den Einheimischen auf der Holztribüne platz und applaudieren, als die fünf Zweier-Teams auf ihren schönen Pferden in die Arena einlaufen.

die Reiter stellen sich vor

Zuerst stehen alle Zuschauer auf, nehmen die Hüte in die Hand und vor die Brust und singen die chilenische Hymne, dazu wird ganz langsam die chilenische Fahne gehisst. Dann startet das erste Team und ein Stier, kommt in die Arena. Wir können den Spielregeln nicht ganz folgen aber die Leute und wir habe sehr grossen Spass. Es wird gerufen und geklatscht, alle fiebern mit. 

der Stier wird zuerst etwas müde und...

 

...an die Wand getrieben 

Nach dem Wettkampf werden die Preise verliehen, der Sieger erhält einen Sattel, und die Reiter der ersten drei Plätze dürfen sich eine Frau aus dem Publikum aussuchen. Die drei Reiter ziehen die Ponchos aus und legen sie auf die Pferderücken, auf denen die Frauen im Damensitz platz nehmen. Nach einer Runde Mitreiten wird wieder abgesessen und laute Musik ertönt aus dem Lautsprecher. Nun wird noch mit den Sporen geklappert und ein Tänzchen aufgeführt. Wir sind alle sehr begeistert von diesem wunderschönen und spektakulären Rodeo und diesem romantischen Abschluss.

die zwei Reiter warten auf den Stier

 

Ich bin ein Gaucho, und man verstehe
doch meine Sprache!
Für mich ist die Welt ja so klein, 
könnte sie den grösser sein?
Es beisst mich keine Viper,
die Sonne verbrennt mir nicht die Stirn.

Ehre ist mir, in Freiheit zu leben,
so wie der Vogel am Himmel.
Ich bau mir kein Nest auf diesem Boden,
wo es sich nicht lohnt zu leben.
Und so braucht's mir keiner nachzutun,
wenn ich mich wieder erhebe.

So beschrieb der argentinische Schriftsteller José Hernandez (1834-86) den Gaucho in seinem zweibändigem Werk "El Gaucho Martin Fierro" (1872) und "La Vuelta de Martin Fierro" (1879): Einen in selbstgewählte Einsamkeit lebenden Menschen, mutig und stolz, der seine Freiheit sucht und in den Weiten der Pampa und Patagonienens findet, der sich gegen bürgerliche Ordnung und das Stadtleben auflehnt. 
So weit der Mythos. In Wahrheit waren die Gauchos nicht unbedingt freiheitsliebend und selbst gewählt einsam. In Normalfall handelte es sich um Menschen, die nomadisch umherstreiften, mal hier, mal dort lebten, sich kurz verdingten und dann weiterzogen. Besitz war ihnen fremd, und wie alle Nomaden legten sie das Gelt, das ihnen blieb, in Schmuck an: Silbergürtel und Silbersporten. Ironischerweise begann das Ende der Gaucho-Kultur mit dem Aufbau der Rinderzucht. Die Gauchos störten mit ihren laxen Eigentumsvorstellungen - die meisten nahmen sich einfach ein umherstreunendes Rind oder Schaf, wenn sie eines brauchten - den Aufbau der grossen Estanzias.
Nachdem die Pampa verteilt und eingezäunt war und die Rinder gebranntmarkt waren, war die Zeit des freien Umherziehens vorbei. Die Gauchos wurden zu Peonen (Knechten), die, schlecht bezahlt, für Estanzieros das Vieh hüteten.
(Datenquele Kosmos NaturReiseführer Argentinien/Chile)

Der Huaso, der oft mit dem argentinischen Gaucho verglichen wird, ist im Kern etwas vollständig anderer. Er war ursprünglich der Pächter von Randgebieten grosser Estanzias, wandelte sich später und gilt heute als der typische, leicht konservative, chilenische Landbewohner. Er führt anders als der Gaucho kein Vagabundenleben, sondern war von Beginn an den grossen Estanzias zugehörig, sorgte dort für das Vieh, schützte den Gutsbesitzer von Viehdieben und kümmerte sich um die Zäune. So entwickelte sich eine sesshafte, nicht nomadische Kultur, die dennoch Elemente der Eigenständigkeit des Gauchos aufweist. Heute hat sich die Bezeichnung "Huaso" auf alle auf dem Land lebenden Reitersmänner übertragen. Besonders oft sieht man echte Huasos bei Rodeos, Pferderennen oder anderen Festen auf dem Land: Sie tragen stolz ihre grossen, breitkrempingen und meist schwarzen Hüte, die kurz mehrreihige Jacken mit silbernen Knöpften, eine Weste und meistens noch einen kurzen Poncho, die "chamanta". Auffällig sind die hölzernen Steigbügel, in denen die oft etwas hochhackigen, mit grossen silbernen Sporen verzierten Stiefel stecken.
(Datenquelle Reise KnowHow Chile)

ein typisch chilenischer Steigbügel

Wir sind seit einigen Tagen mit zwei anderen Fahrzeugen unterwegs; dem grünen Landrover von Sandy und Tom (CH) und dem weissen Landcruiser HZJ 75 von Ute und Olli (D). Es ist schön, etwas Gesellschaft zu haben, zusammen zur Mittagspause anzuhalten und Abends gemeinsam zu kochen. Auf der Fahrt zurück von Villa O'Higgins zur Fähre stossen wir mitten auf der Strasse auf ein Huemules, einen sehr seltenen Andenhirsch. Der Hirsch ist nicht sehr schüchtern, trottet etwas die Strasse entlang, bevor er sich ins Gebüsch bewegt, wo wir ihn aber noch einige Zeit beobachten können. 

ein Huemules /Andenhirsch

Wieder auf der Autofähre bekommen wir mit, dass doch fünf statt nur vier Autos auf der Transportfläche platz haben. Das fünfte Auto, in diesem Fall unseres, muss aber mit den Hinterräder auf der Rampe stehen, die aus diesem Grund nicht ganz geschlossen werden kann. Die Fähre tuckert mit der Rampe voraus und ich sehe, wie etwas Wasser auf unser Auto spritzt. Macht nichts, das hat es ja bei der Hinfahrt auch, obwohl es da nicht so windig war. Doch kaum habe ich diesen Satz fertig gedacht, da kommt schon eine gigantische Wasserfontäne auf mich zu. Ich bin zwischen einem Auto und der Schiffswand eingeklemmt und kann mich weder vor noch zurück bewegen und werde von Kopf bis Fuss geduscht. Eine nette Stimme fragt mich auf deutsch "brauchen Sie Hilfe". Und ob, ich bin froh, dass mir der Mann über das Auto hilft und mir eine Jacke anbietet. Der Wind ist doch etwas frisch, vor allem mit nassen Kleidern. Der junge Mann ist Chilene. Da sein Vater Schweizer ist, und er auf eine deutsche Schule ging, kann er gut Deutsch und er erzählt mir einiges über Land und Leute in Chile. Die Fähre benötigt knappe 45 Minuten, die immer wieder von neuen Wasserfontänen begleitet werden, denen ich aber hinter dem Auto ziemlich entgehen kann.  

Lago Cochrane

In Cochrane, ein Dorf mit ca. 3'500 Einwohnern bekommen wir alle Lebensmittel, die wir für unser heutiges Abendessen benötigen. Wir finden ein wunderschönes Plätzchen am Lago Cochrane, dessen Anfahrt von spektakulären Blicken auf den See begleitet wird. Unser Abendessen wird heute typisch schweizerisch ausfallen.......  

Käse-Fondue einmal anders! Der Topf steht auf dem grossen Gaskocher in der Mitte. 

Nach diesem üppigen Abendessen unternehmen wir am nächsten Tag eine Wanderung im Tamango Nationalpark. Die erste Stunde keuchen wir einen steilen Sandweg den Berg hoch. Oben angekommen wird es flacher und wir kommen durch sehr schöne Wälder, Moor- und Seelandschaft. Wir haben wieder ideales Wanderwetter, kein Wölkchen trübt den Himmel. Nach fünfeinhalb Gehstunden kommen wir verstaubt zu unserem Auto zurück, fahren ins Dorf einkaufen und zu einem Bach, wo wir uns zu sechst für eine Duschrunde einfinden und das kühle Nass mit unserem genialen Duschsack geniessen. Am nächsten Tag verabschieden sich Ute und Olli von uns vier. Ihr Weg führt Richtung Heimat und unserer geht wieder auf der Carretera Austral Richtung Norden. Endlich ist das Wetter mal typisch Patagonisch, d.h. es ist bewölkt und regnerisch.

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