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17. Über Nazca zum Titicacasee 

Wir befinden uns an der Ostküste Perus und sind Richtung Süden unterwegs. Die Szenerie ist unverändert, rechts der Pazifik, links Wüstenlandschaft und alles mit dem immerwährenden Nebel überzogen. Wir fahren viele Hunderte Kilometer, durchqueren Lima und kommen an Pisco vorbei. Hier hat Sarah Helen Roberts ihre letzte Ruhestätte gefunden. Sie soll eine Geliebte des Grafen Draculas gewesen sein. Sie starb 1913 in England, und der Witwer reiste mit ihren sterblichen Überresten um die Welt, bis er in Pisco endlich eine Gemeinde fand, die eine Beisetzung auf ihrem Friedhof gestattete. Für uns geht die Fahrt weiter bis wir plötzlich in eine andere Welt - in die Oase Huacachina - kommen. Wir finden bei einem Hotel eine Campingmöglichkeit. Auf einmal fallen uns die vielen kleinen schwarzen Ölflecken an der Hecktüre auf. Ein paar kleine Flecken haben wir schon gestern bemerkt, doch erst jetzt wird uns klar, dass die von unserem Fahrzeug stammen müssen. Es geht keine zwei Minuten und schon ist Erich in seinem blauen Mechaniker-Overal und liegt unter dem Auto. Erich entdeckt, dass das Öl aus der Entlüftung des Verteilergetriebes kommt. Die Kontrolle ergibt, dass überall noch genug Öl vorhanden ist und wir können uns das Austreten des Öls nur dadurch erklären, dass wir vorgestern von 4'400 m auf 0 m Höhe in ziemlich kurzer Zeit gefahren sind. Nachdem wir dieses Rätsel gelöst haben ist es schon stockfinster und uns bleibt nur noch Zeit für ein selbstgekochtes Essen, lesen und schlafen. Am nächsten Morgen spazieren wir durch die wunderschöne Oase und geniessen den sonnigen Tag. 

Oase Huacachina

Unseren nächste Höhepunkt fangen wir uns schon am nächsten Tag ein: Nazca. 
Als im Jahre 1939 der New Yorker Wissenschaftler Paul Kosok ein bisher unerforschtes Gebiet in niedriger Höhe überflog, um die Bewässerungssysteme alter Kulturen zu studieren, entdeckte er tief unter sich auf dem Wüstenplateau bei Nazca ein seltsames Durcheinander von Linien. Er hatte die "Scharrbilder" entdeckt, rätselhafte Linien, etwas 20 cm tief und einen Meter breit in die dunkle Erde eingescharrt, die von der Höhe wie helle, weithin sichtbare Streifen aussehen. "Marskanäle"
, meinten einige Wissenschaftler, für "prähistorische Landeplätze für Ausserirdische" hielt sie 1968 Erich von Däniken. "Sie sind astronomische Kalender", sagte die 1903 geborene Maria Reiche. Die deutsche Mathematikerin und Geographin kam 1932 nach Peru. Als Übersetzerin begegnete sie 1946 Dr. Kosok und war sofort von seinen aufgezeichneten Nazca-Bodenmarkierungen fasziniert. Kosok kehrte nach New York zurück und beauftragte M. Reiche mit weiteren Forschungen über die Nazca-Linien, die dann zu ihrem Lebenswerk wurden. In Nähe der Bodenzeichnungen schlug sie in der Hacienda San Pablo ihr Quartier auf und begann systematisch, die Figuren und Linien präzise zu vermessen und mathematisch zu katalogisieren. 1950 veröffentlichte sie zusammen mit P. Kosok das erste Werk über die Nazca-Linien (Ancient Drawings on the Desert of Peru). Maria Reiche wurde in den folgenden Jahren von der peruanischen Regierung und der Luftwaffe unterstützt. Sie flog mit dem ersten peruanische Hubschrauber über die Pampa und liess sich dabei ausserhalb der Maschine mit einer Luftbildkamera festbinden. Mit Messband, Sextant, Leiter und Kehrbesen war sie oft tagelang in der Pampa unterwegs. Mit dem Besen legte sie oft schon vor der Morgendämmerung, nach und nach die meisten Tierfiguren frei. Es schien manchmal, als ob diese kein Ende nehmen wollte. Immer wieder entdeckte sie neue Furchen. Im Laufe der Jahre war sie überzeugt, dass die Nasca-Pampa astronomisches Geheimwissen birgt. Sie fand mindestens drei Linien, die kalendertechnisch nutzbar waren, zur Bestimmung wiederkehrender Tage, von Sonnenständen und Mondaufgängen. Sie fand ferner heraus, dass für alle Nazca-Figuren , Kurven und Linien die kurze Elle (33 cm) als Masseinheit anwendbar ist. Selbst die Radien der Kurven entsprechen der Masseinheit einer kurzen Elle. Die Forschung geht weiter, doch noch viel Zeit und Phantasie sind nötig, um das Geheimnis der "Scharrbilder" entgültig zu lüften. 1976 liess Maria Reiche auf eigene Kosten ein 11 m hohen Aussichtsturm an der Panamericana errichten. Wie auch immer die verschiedenen Tierbilder und geometrischen Figuren von bis zu 185 m Länge gedeutet werden - sie wurden von Indianern von über 2'000 Jahre in die trockene Kruste der Wüste gekratzt und können während eines eindrucksvollen Fluges erkundet werden. Dagegen ist es um von Däniken, der 1966/67 die Frage stellte, ob "unsere Vorfahren Besuch aus dem Weltall" hatten, stiller geworden. Die Unesco nahm die Scharrbilder 1994 in die Liste des Weltkulturerbes auf.
Bevor wir nach Nazca kommen, halten wir am Aussichtsturm. Wir steigen hoch und können die Linien der Hände sowie des Baumes klar erkennen. Wir sehen auch, wie die kleinen Flugzeuge über die Gegend schweben, wie sie sich heftig zur Seite kippen, damit die Fluggäste auch etwas zu sehen bekommen. Mir wird sofort klar, dass ich sicher nicht mit so einem Flugzeug in die Höhe steige, denn mir wird schon vom zusehen schlecht. Erich ist sich noch nicht sicher. In Nazca fahren wir kurz durchs Städtlein bevor wir uns im Hotel Maison Suisse niederlassen. Erich entschliesst sich doch für einen Flug und steigt 25 min. später dem Himmel entgegen. "Hätte ich doch auch mitfliegen sollen?" Als Erich nach einer knappen Stunde mit kalkweissem Gesicht zurückkommt, bin ich mir meiner Entscheidung doch nicht reuig. Er meint, es war schon schön, doch ihm wurde so schlecht, dass er nicht viel davon hatte, geschweige, es geniessen konnte. Trotzdem konnte er noch ein paar Fotos knipsen.

die Spinne

Mit unserem Auto ist übrigens wieder alles i.O. 

der winkende Astronaut

In den nächsten zwei Tagen fahren wir durch eine wunderschöne Landschaft, durch andine Hochebenen, entlang wunderschöne Lagunen mit Flamingos, begleiten einen Fluss, der sich in einem schönen Tal windet, bis wir Cusco erreichen. Im Club Hotel in Cusco treffen wir auf Michaela und Andreas, die mit ihrem Wohnmobil von Alaska nach Feuerland unterwegs sind. Wir geniessen zu viert die wunderschöne Stadt, gehen essen und schlemmern feinen Kuchen zusammen. Gemeinsam geht unsere Reise weiter nach Puno am Titicacasee. Das herb-freundliche Puno (120'000 Einw.) wurde 1668 gegründet, weil man in der Nähe Silberminen entdeckt hatte. Der Ort ist nicht nur wegen seiner extremen Höhenlage (3'820 m), sondern auch wegen der entsetzlichen Kälte gefürchtet. Eigentlich wollen wir am Libertador-Hotel stehen, nach Auskunft anderer Reisenden sollte das gehen, doch die lassen uns nicht auf dem Parkplatz campieren. Dafür finden wir beim zweitnobelsten Schuppen in Puno auf dem Parkplatz eine tolle Unterkunft. Abends findet eine Folkloreshow im Restaurant des Hotels statt, und wir sind auch dabei. Die peruanische Musik ist wunderschön, Panflöte, Gitarre, kleine Gitarre, Flöte und Trommeln. Eine Tanzgruppe tritt ebenfalls auf, immer wieder in anderen Kostümen.  

Trachten des Titicacasees

Auch ganz fabelhafte und tierähnliche Trachten kommen ins Spiel. Zuletzt siegt aber der Engel, der alle Teufel und Dämonen vertanzt.

wunderbare, farbenprächtige Kostüme

Für uns war dieser Abend ein wunderschöner Abschluss, denn morgen werden wir Peru verlassen. Die gefürchtete Kälte von Puno hat nicht zugeschlagen und so haben wir die Nacht ohne Heizung gut überstanden. 

Der geheimnisumworbene Titicacasee ist fast 13 Mal grösser als der Bodensee und mit 3'810 m über dem Meer der höchstgelegene schiffbare See der Erde. Er liegt inmitten des Altiplano zwischen Peru und Bolivien (30 % der Seefläche gehören zu Bolivien) und er hat weder mit dem Atlantik noch mit dem Pazifik eine Verbindung. Trotz seines sehr kühlen Wassers (10-12°C) ist der Titicacasee ein Tropensee, da die grosse Fläche als Wärmespeicher für den Collao (die Altiplano-Hochebene um den See) wirkt. So gedeihen um ihn Mais, Gerste, Kartoffeln, Erbsen und Quinca, wie vor 500 Jahren (Quinca ist ein in den Hochanden kultiviertes Gänsefussgewächs, dessen gelbliche Samen wie Reis gekocht oder zu einem sehr stärkereichen Mehl verarbeitet werden).  Die Region des Titicacasees wird auch als Ursprung des Kartoffelanbaues betrachtet. Der See ist auch für seinen Fischreichtum bekannt, obwohl die Artenzahl des Bestandes durch die wirtschaftliche Nutzung abgenommen hat. So kommen Suche (eine welsartiger Fisch), Carachi, Ispi, Mauri und Boga vor, seit 1937 auch ausgesetzte Truchas (Regenbogenforelle) und Lachse. Der Forellenbestand nahm drastisch ab und die heimische Fischart Orestia starb sogar 1960 aus, als der Pejerrey, ein argentinischer Süsswasserraubfisch, ausgesetzt wurde. Der Titicacasee ist die Heimat unzähliger Enten, Ibise, Reiher und Kormorane. Um den See leben Meerschweinchen, Chinchilla-Arten, Pumas und die südamerikanischen Kleinkamelarten Lama, Alpaka und Vicuña.
Das Volk der echten Uro ist heute ausgestorben, wenngleich ihre Nachfahren versuchen, die  Uro-Kultur zu erhalten. Von den Uro wird erzählt, dass sie sich Kot-suns "Seemenschen", nannten. Sie galten als das wildeste Volk im Inkareich und hatten eine sehr dunkle Hautfarbe. Die Inka konnten die Uro nie unterwerfen, da sie sich bei Auseinandersetzungen immer auf ihre Schilfinseln im Titicacasee zurückziehen konnten. Im 19. Jahrhundert lebten noch etwa 4'000 Familien auf den Schilfinseln, der letzt reinrassige Uro starb wahrscheinlich um das Jahr 1958.
Das Totora-Schilf war und ist das Lebenselement der Uro. Aus ihm bauen sie ihre Inseln, Schilfhütten und ihre postkartenbekannten Totora-Boote. Neben dem Fisch- und Vogelfang dienten den Uro früher auch die Totora-Schilfstengel als Nahrungsquelle. So entwickelten die Uro eine autarke Lebensweise, brauchten keinen Ackerbau an Land zu treiben. Auch zu Zeiten der früheren Inkaherrschaft war das so, die Uro verteidigten ihre Unabhängigkeit und waren stolz darauf. Die Totora-Inseln werden aus verschnürten Schilfrohrbündeln gebaut. Sie müssen ungefähr alle sechs Monate ausgewechselt werden, da die sich mit der Zeit mit Wasser vollsaugen, schwerer werden und zu sinken drohen. Ständig müssen beschädigte oder verfaulte Teile ersetzt oder ausgebessert werden. Beim Bau einer Totora-Insel - wenn z.B. ein Paar heiratet - helfen alle männlichen Familienmitglieder mit, die Herstellung wird im seichten Wasser am Rande der Schilfzone vorgenommen. Von ausgewachsenem Totora werden die Wurzeln verwendet und zu Blöcken von bis zu acht Quadratmetern zusammengebunden. Auf diese Wurzel-Blöcke wird anschliessend schichtenweise Totora gestapelt, bis die schwimmende Plattform einen Tiefgang von ca. 80 cm erreicht hat. Auf die etwas erhöhte Inselmitte wird zum Schluss eine bedachte Schilfhütte gesetzt. Hier lebt nun die junge Familie - doch heute zeihen von den jungen Leuten immer mehr lieber in die Stadt nach Puno. 


Früh am nächsten Morgen unternehmen wir einen Spaziergang ums Hotelgelände, das direkt am Titicacasee liegt. Vom Garten aus können wir über einen Steg aus Schilf auf eine kleine Schilfinsel gelangen. Es ist alles etwas schwammig und unsere Schuhe sinken in die Schilfmasse ein, doch es hält und wir bekommen keine nassen Schuhe. Mir gefällt besonders das tolle typische Schilfboot mit dem lustigen Kopf. 

Schilfinsel mit Schildboot am Titicacasee

Wir verabschieden uns von Michaela und Andreas, die wir wieder in La Paz sehen werden, und machen uns auf den Weg nach Bolivien. 

hasta luego !

 

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