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19. Fantastische Tierwelt im brasilianischen Pantanal

 

Die bolivianischen Zöllner lassen uns ohne Probleme ausreisen. Wir fahren auf brasilianischem Boden über fast 100 km, bevor wir die Einreiseformalitäten in der Stadt Cáceres erledigen können. Doch zuerst müssen wir was essen und halten bei einer grossen Tankstelle mit Restaurant. Wir bedienen uns an dem reichhaltigen Buffet mit Salat, Reis, kleine Bohnen, Gemüse, Kartoffeln, Spaghetti und vieles mehr. Dann kommt zwischendurch ein Kellner am Tisch vorbei, der einen meterlangen Spiess voller feinen über dem Feuer gebratenen Fleischstücke trägt und dann wird ein Stück Fleisch abgeschnitten. Es sind immer wieder andere Fleischstücke und das Spiel geht solange, bis wir restlos satt sind. Wir können uns aber nicht hinlegen oder ausruhen, denn wir müssen zuerst die Einreiseformalitäten erledigen. Wir erkundigen uns auf Spanisch nach dem Weg und siehe da, wir bekomme doch tatsächlich eine Antwort. Ich traue meinen Ohren nicht, von diesem Singsang das für mich irgendwie Holländisch klingt, versteh ich kein Wort. Wir fahren mal in die Richtung, die wir von der Gestik her verstanden haben und fragen wieder einen älteren Mann auf dem Fahrrad nach dem der "Policia Federau". Lustig, er versteht unser Spanisch ohne Probleme und redet auf uns ein. Ich muss mir ein Lachen verkneifen, das Portugisisch klingt äusserst nett und zwischendurch verstehen wir auch einige Wortfetzen wie "isquuuerda" (links) oder "pountsche" (Brücke). Der Mann auf dem Fahrrad hat in uns staunende Zuhörer gefunden und erzählt und erzählt. Dann verabschieden wir uns und fahren wieder los. Irgendwann, nach langer Zeit finden wir die Polizei und können unsere Pässe abstempeln lassen. Für die Autoformalitäten müssen wir noch zum Zoll, natürlich in einer anderen Strasse, die wir Dank gezeichneter Planskizze gut finden können. Endlich sind wir legal in Brasilien. Es wird schon bald dunkel und wir entschliessen uns an der Tankstelle, wo wir so fein gegessen haben, zu übernachten. Die ist mit Duschen und grossem LKW-Parkplatz, der auch in der Nacht bewacht wird, ausgestattet. Die Nacht verbringen wir in einer überraschenderweise ruhigen Gegend. 

Pantanal

Im Zentrum Südamerikas befindet sich auf einer Fläche von etwa 200'000 Quadratkilometern das grösste zusammenhängende Feuchtgebiet der Erde, das Pantanal. Rund 90 % des flachen (75-200 m Höhe), pfannenförmige Becken liegt in den brasilianischen Staaten Mato Grosso und Mato Grosso do Sul, der Rest in Bolivien und Paraguay. Es besteht aus einem Mosaik von Land- und Wasserlebensräumen, Flüssen und Seen, Binnendelta und Salzpfannen, Busch- und Grassavanne, Galerie- und Inselwälder, Hügelketten und riesige Sumpfflächen und ändert sein Aussehen ständig durch die jährlich auftretenden grossflächigen Überflutungen. Diese entstehen nicht etwa aufgrund besonders hoher Niederschläge im Pantanal selbst, sondern durch die Wassermassen, die der Oberlauf des Rio Paraguay uns seine Nebenflüsse aus dem zentralbrasilianischen Bergland heranführen. Dies monatelangen Überflutungen treten somit nicht zeitgleich mit den Regenfällen im Pantanal auf sondern aufgrund des grossen Wassereinzuggebiets regional zu unterschiedlichen Zeiten  und in sehr verschiedenen Höhen. Sie erreichen normalerweise 3.5 - 4.5 m Höhe, in Extremjahren sogar 6-9 m. Dann sind alle Lebensräume bis auf die höchsten Hügelketten von Wasser überflutet. 

Pantanal

Somit erweist sich das Pantanal als ein Lebensraum grösserer Gegensätze, die von völliger Überflutung bis zu grosser Dürre in den trockenen Wintermonaten (Mai bis September) reichen, in denen der Boden vielerorts vollkommen austrocknet oder Salzpfannen entstehen. In dieser Zeit kann weit vordringende Polarluft die Temperatur manchmal bis auf fast 0° C fallen lassen, während zu Beginn der Sommermonate (November bis März) Temperaturen von 40° C keine Seltenheit sind. Die Vegetation ist sehr vielfältig und reich von riesigen Schwimmpflanzendecken aus Wasserhyazinthen und anderen bis zu immergrünen Galeriewäldern entlang der Flüsse. Vorherrschend sind auf dem Land aber Formen der Cerrado-Savanne, von reinen Grassavannen bis zu fast geschlossenen Baumsavanne. Dieses Gebiet beherbergt eine der höchsten Tierdichten auf der Erde und ist wegen des schwierigen Zugangs noch eines der am wenigsten erforschten. Berühmt ist das Pantanal besonders für seine grossen Bestände von Kaimanen, die wegen ihrer Haut in der Vergangenheit unerbittlich gejagt wurden, und den Reichtum an Wasservögel; Reiher, Störche, Löffler und Ibisse nisten auf geeigneten Bäumen in grossen Kolonien und machen besonders in der Zeit des ablaufenden Wassers, wenn sich Fische in immer kleineren Wasseransammlungen konzentrieren, überaus reiche Beute. 

Hunderte von Wasservögel leben rund um die Lagunen

Das Pantanal ist unter anderem auch die Heimat der grössten Riesenschlange der Welt, die hier in zwei Arten vorkommen: In den höher gelegenen Randzonen des  Pantanals lebt die im tropischen Südamerika weitverbreitete Grosse Anakonda, die mit nachweisbar über 9 m Länge grösste Schlange der Welt, während das Innere des Pantanal von der kleinen Paraguay- oder Südanakonda bewohnt ist. Anakondas halten sich bevorzugt im Wasser auf und jagen dort neben Fischen, Amphibien, Vögeln z.B. auch Wasserschweine und Kaimane. Unter den vielen Greifvögeln des Pantanal ist die Schneckenweihe besonders erwähnenswert, die in seiner Nahrung fast ganz auf Schnecken und Muscheln spezialisiert ist, die sie mit seinem langen, hackenförmigen Schnabel aufbricht, um die Weichkörper herauszuholen. 

gut erhaltene Pantanalbrücke

Wir haben nicht wie oben beschrieben 0° C sondern in der Nacht kühlt es auf 22° C runter, am Tag sind es aber sicher um die 40° C, also schön warm. Ab Poconé beginnt die Transpantaneira, die in einer Sackgasse in Porto Jofré am Rio Cuiaba endet. Wir fahren nicht mehr weit sondern stellen unser Auto auf die Kuhweide der Pousada Portal Paraiso. Der Name trägt das kleine Hotel zu recht. Kaum sind wir aus dem Auto gestiegen, das fliegen schon riesige Hyazintharas (ganz blau mit gelben Ringen um die Augen und etwas Gelb am Schnabel) an uns vorbei, die Affenfamilie vergnügt sich in den Bäumen, Nandus picken in der Nähe im Gras und viele andere Vögel fliegen von Palme zu Palme. Wir können uns kaum satt sehen. Als die Sonne untergeht verstummen die vielen Vögel und es wird ruhig im Pantanal.

Hyazintharas 

Für die nächsten 50 km benötigen wir 5 Stunden. Immer wieder müssen wir aussteigen, denn die Tiervielfalt ist einfach gigantisch. Als wir das erste Mal aussteigen, rechts und links der Strasse sind langgezogene Lagunen, erblicken wir Hunderte von Wasservögel. Der wohl grösste ist der Jabiru (Tuiuiu), der mit seinem weissen Körper, seinem schwarzen Kopf und Hals durch einen roten Strich dazwischen lustig aussieht. 

der Jabiru (Tuiuiu)

Daneben wirken die Waldstörche doch klein, die schönen Silber- und Kuhreiher elegant, die rosa Löffler vornehm und die vielen kleinen Vögel flitzen dazwischen frech umher. Als ich mich einen Schritt von Auto fort bewege raschelt es gewaltig. Erst jetzt entdecke ich, dass im Wasser viele Kaimane vor sich hindösen. Diese Erkenntnis lässt mich rasch wieder ins Auto verschwinden.

die herzigen Kaimane 

Doch nach ein paar Minuten habe ich mich wieder erholt und gehen zum fotografieren nah zu den Kaimanen. Die Zeit vergeht wie im Flug, wir haben schon über 30 Brücken hinter uns, alle aber in tadellosem Zustand als wir die Hotelanlage Mato Grosso vor uns sehen, und davor der Iveco von Waltraud und Jürgen. Dieses Wiedersehen feiern wir mit einem eiskalten Bier auf der Veranda des Hotels und erzählen uns gegenseitig unsere Erlebnisse und Abenteuer. Die Anlage liegt wunderschön am Fluss. Am nächsten Tag gehen Jürgen und Erich fischen, mit Fleischstücke als Köder. Nach einiger Zeit hat Jürgen auch schon den ersten Piranha an der Rute. Erich fängt auch einen Piranha und einen anderen Fisch, einen herzigen mit gelben Flossen. 

aufregendes fischen neben den Kaimanen

Nach einem wunderschönen Ruhetag ziehen wir weiter. Wir wollen bis Porto Jofré, das Ende der Transpantaneira am Cuiaba-Fluss fahren. Doch dazu müssen wir noch weitere 84 Brücken überwinden. Wir starten bei Sonnenaufgang und werden durch eine traumhaft schöne Landschaft belohnt. Die Vögel sind am erwachen und überall fängt es leise an zu zwitschern, bis es sich in einem lauten Singsang ergiesst. Wir erspähen einen Sumpfhirsch, der durchs Wasser zieht und zwischendurch an den Wasserpflanzen knabbert.   

Sumpfhirsch

Der Morgennebel hüllt die ganze Landschaft in eine Traumwelt. Wir versinken und staunen ab der wunderschönen Natur um uns herum. Wir kommen zu den ersten schlechteren Brücken und steigen zuerst aus, um die Konstruktion zu begutachten. Wir stehen auf den Brettern, geniessen die zauberhafte Umgebung und entdecken viele Kaimane unterhalb und neben der Brücke. 

auch diese Brücke hält 

Plötzlich dröhnt ein grauenhaftes Gebrüll durch die friedliche Stimmung. Ich werde sofort aufmerksam und male mir schon aus, dass ein riesiger Jaguar über die Brücke auf uns zustürzt. Doch nichts passiert! Aber was ist das? Ich höre ein leises Trommeln, bumm, bumm, bumm! Und, wieso vibriert die Brücke im gleichen Rytmus? Mir wird ganz unheimlich zumute und als ich wieder dieses grauenhafte Brüllen höre wird mir klar, das unter der Brücke, genau unter mir ein Kaiman schlummert, brüllt und gleichzeitig mit seinem kräftigen Schwanz an den Brückenpfeiler schlägt. Blitzschnell sitze ich im Auto und versuche meinen rasenden Herzschlag wieder unter Kontrolle zu bekommen. Puh, gerettet! Das war wie in einem Gruselfilm.....

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Wasserschweine

Wir treffen auf die witzigen Wasserschweine, die ohne Angst durch die Herden von Kaimanen waten. Plötzlich sehen wir sie, die Riesenschlange, die Anakonda. Natürlich bleibe ich im Auto während sich Erich nah an die Schlange heranwagt. Sie schlängelt sich gemütlich über die Piste und verschwindet wieder im Busch auf dem Weg zum nächsten Tümpel. Nach weiteren 20 Minuten kommt die zweite Schlange von links aus dem Gebüsch, wir halten an und vor uns bewegt sie sich über die Strasse und verschwindet auch wieder im Gebüsch. So ein Glück, dass wir zwei Anakondas sehen konnten.

Babyanakonda, ca. 1.5 m lang

Wir befinden uns ein paar Kilometer vor Porto Jofré, unserem Ziel. 

eine etwas schiefe Pantanalbrücke

Die Brücken werden immer schlechter und mein Aufenthalt auf dem  Beifahrersitz immer kürzer. Manchmal gehe ich zu Fuss über die Brücke, weil, wenn das Auto einstürzt muss doch wer Hilfe holen können, oder ich bleibe mutig im Auto sitzen, verschliesse fest meine Augen und drücke noch meine Hände vors Gesicht, dass ich auch ja nichts sehe, meistens höre ich aber die Brücke quälend ächzen und stöhnen und spüre die Schräglage, oder ich muss aussteigen und auf der Brücke vorgehen und den Fahrer über die Brücke lotsen, weil nur noch ein paar bestimmte Bretter zur Überfahrt taugen. Meine Zeichensprache, bzw. mein Gewedel mit den Händen versteht Erich kaum, dafür kann er an meinen Gesichtsausdrücken ablesen, ob er fahren kann oder nicht. Wie soll ich bei so einer Aufregung ein "Stop-Zurück-Zeichen" geben, wenn sich meine Hände vor dem Mund verkrampfen?   

die 116. Pantanalbrücke 

Dank Erichs super Fahrkünste kommen wir unversehen in Porto Jofré an und stellen uns unter einen Baum in den Schatten, direkt am Cuiaba-Fluss. Leider stimmt Erichs Sonnenberechnung nicht ganz und nach einer halben Stunde stehen wir in der prallen Sonne. Zu faul, das Auto nochmals umzuparkieren liegen wir in der Unterwäsche im 1. Stock und versuchen, jedes nur auch noch so hauchdünne Lüftlein auf unsere glänzende, schwitzende Haut einzufangen, denn wir haben 40° Grad. Kurz vor Sonnenuntergang kühlt die kalte Dusche und das anschliessende eiskalte Bier ungemein ab.

Sonnenaufgang bei unserem Übernachtungsplatz in Porto Jofré


 

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