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25. Natur Pur (Chile-Argentinien)

Wir haben wundervolle Pläne und wollen die bei Puerto Montt umliegenden Nationalparks besuchen.  Den ersten, den wir uns aussuchen ist der Nationalpark Alerce Andino, der erst 1982 eingerichtet wurde um die bestehenden Baumbestände von Alercen zu schützen. Diese Bäume werden uralt und riesengross, die grössten Alercen im Park sind 40 bis 50 Meter hoch, mit einem Durchmesser von bis zu 4 Metern und werden auf ein Alter von über 1'000 Jahren  (einige sprechen sogar bei manchen Bäumen von bis zu 4'200 Jahren) geschätzt. Wir haben die Nacht kurz vor dem Parkeingang an einem wunderschönen ruhigen und einsamen Plätzchen mit Blick auf den Vulkan Calbuco verbracht und sind für eine Tageswanderung gewappnet. Beim Guardaparque informieren wir uns über die Zustände der Wanderwege. Da es schon 11.00 h ist, empfiehlt uns der Parkwächter, beim Rio Saragazo zu übernachten. Weiter zur Laguna Fria können wir leider nicht wandern, da im letzten Winter der Wind viele Bäume zum Einstrutz gebracht hat und die Parkwächter immer noch am säubern des Wanderweges sind. So packen wir rasch unsere grossen Wanderrucksäcke und sind um die Mittagszeit Abmarsch bereit. Der Wanderweg führt durch dichtes Grün, der Boden ist oft sumpfig und wir müssen über viele Bäume klettern. Wir kommen an eine Verzweigung, wo wir einen halbstündigen Rundgang zu alten Alercen unternehmen, die wirklich sehr eindrücklich sind. 

ein junger Mann vor einer alten Alerce

Nach dreieinhalb Stunden Gehzeit kommen wir zum einsamen Campingplatz. Wir stellen das Zelt auf, gehen uns am Fluss waschen und liegen noch etwas in der Sonne. Klar, wir haben Matekraut und eine Bombilla mitgenommen und können nun einen feinen Mate geniessen. Auch der nächste Tag ist ein herrlicher Sommertag und wir geniessen die Wanderung wieder zurück.

Alercewald

Auch der nächste Tag empfängt uns mit strahlendem Sonnenschein und so stehen wir früh auf und fahren zum nahegelegenen Nationalpark Llanquihue. Hier befindet sich der Vulkan Calbuco. Beim Guardaparque bellen drei Hunde, doch kein Parkwächter in Sicht. Am Infohäuschen steht irgendetwas von einem Feiertag und somit können wir ohne Eintritt zu bezahlten in den Park. Die Wanderinfos haben wir auch schon aus unserem Buch entnommen und bis jetzt waren die Wege immer gut markiert. Mit einem leichten Tagesrucksack bestückt wandern wir bergwärts los. Wir steigen über Wurzeln im dichten kalten Regenwald, treffen bald wieder auf schwarzen Stein, wir können die Lavaströme von einst noch erkennen, bevor es wieder in den Wald geht. Nach fast drei Stunden und 700 Höhenmeter haben wir das Refugio Vulkan Calbuco erreicht. Wir werden mit einer fantastischen Aussicht belohnt, in der Ferne können wir Puerto Montt sehen und sogar die Insel Chiloé ausmachen. Zurück beim Auto fahren wir ein paar Meter weiter zum Rio Blanco, wo wir unterhalb eines Wasserfalles einen genialen Übernachtsplatz finden. 

kalter Lavastrom am Vulkan Calbuco  

Am nächsten Tag versteckt sich die Sonne hinter vielen Wolken. Für uns genau der richtige Zeitpunkt um in Puerto Montt wieder Lebensmittel einzukaufen und im Pizza-Hut ein feines Menü zu verspeisen. Danach fahren wir wieder in den NP Alerces Andino, doch diesmal in den südlicheren Teil. Am nächste Tag, wir schreiben den 27. November, empfängt uns die Sonne wieder in ihrer vollen Pracht. Wir fahren die paar Meter zum Parkeingang und steigen in unsere Wanderschuhe und schultern den Tagesrucksack. Wieder kommen wir in einen traumhaften kalten Regenwald und laufen auf einem ebenen, breiten Wanderweg unsere Schuhe warm, bevor sich der enge Weg den bewaldeten Berg hinauf windet.

und hopp...

Nach drei Stunden erreichen wir die einsam, in einem Kessel gelegene Lagune Triangulo. Ich lass es mir nicht nehmen, mich ins kühle Nass zu stürzen. Auf einem Baumstamm lasse ich meine Haut trocknen und da ruft doch Erich "hei, was hesch do am Scheiche?" Iiiiii, ein Blutegel hat sich doch tatsächlich an meinem Fuss angezapft. Erich kommt mir zu Hilfe und rettet mich. Mit dem Feuerzeug wird der Blutsauger einfach "weggeschmürzelet". So geht das!  

Laguna Triangulo

Mit dem Auto fahren wir nach La Arena, von wo aus wir die Fähre nach Caleta Puelche nehmen. Wir waren im März schon hier, wie heute hat es auch damals geregnet. Somit sieht alles ziemlich ähnlich aus, grau, trüb und nass. Doch einen Tag später ändert sich die Szenerie, die Sonne scheint wieder und der Ginster explodiert überall in hellem Gelb. Was für ein phänomenales Naturschauspiel. 

Ginsterbüsche vor dem verdeckten Vulkan Osorno

Unsere nächste Wanderung führ uns in den Nationalpark Vicente Pérez Rosales, der 1926 gegründet wurde und somit der älteste Nationalpark Chiles ist. Der Park schütz eine grandiose Landschaft: den Vulkan Osorno (2660m) mit seinem ebenmässigen Konus, den blau und smaragdgrün schimmernden Lago Todos Los Santos, für viele Reisende der schönste See Chiles, die Wasserfälle des Rio Petrohué, alles umgeben von dichten immergrünen Regenwald. Das Gebiet des Nationalparks war schon in präkolumbischer Zeit recht gut erschlossen. Die Andenpässe wurden von den Mapuche-Indianern regelmässig überschritten, sie trieben bereits intensiv Handel mit den indianischen Völkern am Ostabhang der Anden. Später überschritten auch die Jesuiten (von Chiloé kommend), dann die Gauchos mit ihrem Vieh die Anden in dieser Region.

der Vulkan Osorno, die Spitze leider hinter den Wolken

Der Parkwächter schlägt uns vor, am Vulkan Osorno auf ein Aussichtsplateau zu wandern. Super, ich wollte schon immer mal auf einem Vulkan gehen. Doch schon bald wird mir bewusst, dass es ein hartes Stück Arbeit ist. Der schwarze Vulkanboden ist ganz bröselig und wir laufen oder besser gesagt rutschen viel im Sand, und dass natürlich bergwärts. Wir durchqueren drei gigantische trockene Flussbette, bevor es wirklich sehr steil ansteigt. Ah, endlich sehe ich die Plattform, nur noch über diesen kleinen uralten Lavastromhügel. Ich marschiere schnell über den steilen Hügel nur um oben zu erkennen, dass wieder ein weiterer Lavastrom kommt. So geht es noch eine Stunde weiter, jeder Schritt auf dem haltlosen Untergrund rutscht etwas zurück, ich bin schon ziemlich erschöpft, bis wir endlich das Plateau erreichen.

auf dem Aussichtsplateau, Lago todos los Santos mit Tronador im Hintergrund

Der Weg runter ist toll, im losen Geröll können wir lockeren Schrittes runterschwingen. Doch dann kommen wir zum Strand. Der Strand wäre ja schön, doch wir müssen unter der brennenden Sonne in unseren heissen Wanderschuhen über diesen Sandhaufen kommen, und es scheint kein Ende zu nehmen. Endlich sehen wir den Weg, der vom Strand wegführt, erreichen eine halbe Stunde später das Auto und fahren zwei Kilometer weiter zu unserem Übernachtungsplatz. Wir packen unsere Outdoorseife und kühlen uns am Fluss ab. Wir merken beide, das wir uns kräftig verbrannt haben. Wir haben diese viereinhalbstündige Wanderung in vielerlei Hinsicht total unterschätzt und salben unsere wunden Stellen ein und gehen früh schlafen. Nun verbringen wir eine ruhige Woche. Wir wechseln wieder mal die Grenze und geniessen ein paar Tage in Bariloche (der Apfelstrudel im Kaffee Turista ist wirklich SPITZE). Wir haben hier sogar einen Ort ausfindig gemacht, wo wir unsere Camping-Gasflasche auffüllen lassen können. Wieder gut ausgerüstet geht es weiter gegen Süden in den Nationalpark los alerces. Wir sind nicht zum ersten mal hier, der Park ist einfach super. Es hat viele freie Campingmöglichkeiten an wirklich idyllischen Plätzchen, man kann wandern und fischen. Wir wollen noch eine mehrtätige Wanderung zum Lago Krüger unternehmen und informieren uns beim Guardaparque, die uns inzwischen auch schon kennen, über die Route, die folgendermassen aussieht: Die Wanderung zum Lago Krüger dauert 9-12 Stunden. Da der Hinweg anscheinend der  anstrengendere Teil ist, bekommt man vom Guardaparque eine Bewilligung um unterwegs an der Playa Blanca zu campen. Die zweite Nacht kann man am Lago Krüger zelten.  Am dritten Tag nimmt man den Rückweg in einem Zug in Angriff. So wäre es jedenfalls vorgesehen, doch wie Waltraud und Jürgen immer sagen: Nix is Fix! Wir haben am Morgen des 7. Dezember schönes Wetter, packen unsere Rucksäcke und fahren mit dem Auto zum Puerto Limonao, wo wir das Auto für drei Tage sicher stehen lassen können. Die erste Stunde ist einfach, es geht etwas bergauf und wieder bergab, der Wanderweg ist schön breit und wir können uns gut einlaufen. Dann wird's steiler und der Bambus wird immer wie dichter. Der Wanderweg wird enger und überall spriessen junge Bambusse aus der Erde oder alte, 10 cm über dem Boden abgeschnittene Stängel sind über dem Wanderweg verstreut. Wir müssen höllisch aufpassen, wohin wir treten. Nach zwei Stunden kommen wir aus dem Wald und sind von kleinen Sträuchern und wunderschön rot blühenden Feuerbüschen umgeben. Und nun beginnt der Alptraum. Kaum haben wir den Wald verlassen, schwirren Hunderte von hässlichen, dicken und grossen Fliegen (Tábanos) um uns herum. Diese blutgierigen Monster verfolgen uns die nächsten anderthalb Stunden bis zum Pass. Oben angekommen bin ich völlig geschafft, diese Mistviecher reissen mir den letzten Geduldsfaden, bis ich schlussendlich völlig entnervt mit den Stöcken um mich wedelt, mich noch beinahe selber verletze und, aus der Ferne betrachtet muss ich ein all zu komisches Bild abgeben. Doch die Aussicht von hier oben ist schööön.

auf dem Pass (1050m.ü.M), lago Futalaufquen

Der Abstieg ist sehr, sehr steil und wir benötigen eine Ewigkeit, dafür sind die Fliegen weg. Nach fünf Stunden Gehzeit kommen wir an die Playa Blanca, wo wir unser Zelt aufstellen und den restlichen Tag geniessen. Am nächsten Tag begrüsst uns wieder die Sonne mit ihren glänzenden Strahlen, die den See in ein glitzerndes blau färbt. Wir packen alles zusammen und marschieren los. Eigentlich habe ich gedacht, dass die heutige Strecke nicht so anstrengend sein wird, doch es geht über zwei Hügel rauf und runter bis wir nach 3 Stunden den Lago Krüger erreichen. Der See ist idyllisch und wir breiten unsere "Plache" aus und ruhen uns eine Stunde aus. Wir machen uns Gedanken über die ganze Strecke morgen! Wir hätten sicher 8 Gehstunden. Jetzt sind wir aber noch fit und so entschliessen wir uns, den Rückweg zur Playa Blanca heute anzutreten, obwohl wir dort eigentlich nicht mehr zelten dürften, aber was soll's. Für den Rückweg benötigen wir mehr Zeit und wir kommen ausgelaugt an unserem Übernachtungsplatz an. Nachdem wir uns etwas erholt haben lassen wir uns von der herrlichen Einsamkeit, der Stille und der fast unberührten Natur beeindrucken.  

unser Zeltplatz an der Playa Blanca

Auch am dritten Tag haben wir heisses Sommerwetter. Den steilen Aufstieg schaffen wir in ununterbrochenen eineinhalb Stunden. Auf dem Pass geniessen wir nochmals die Aussicht, essen unsere Mittagsverpflegung und bereiten uns psychisch auf die Fliegen vor. Doch es nützt alles nichts, es scheint, die Viecher haben sich vermehrt und schwirren wild und aggressiv um uns herum, pieksen ihren Rüssel in die Haut nur um nachher von unseren Händen zerklatscht zu werden. Die klebrige Flüssigkeit, die sie beim zerquetschen ausspritzen, ist nicht gerade angenehm. Der Rückweg ist lang, sehr lang. Erschöpft kommen wir am Auto an und ich stürme ins "Lädeli" gegenüber und ergattere 2 eiskalte Büchsen Fanta und ein superfeines Alfajores (grösse einer Prinzenrolle doch statt Keks ist es aus Schokoladenkuchen und gefüllt mit Dulce de Leche). Wir kehren zurück zum Campingplatz und verräumen unsere Ausrüstung, waschen uns, essen etwas zu Abend und legen uns dann hin mit dem Gedanken, nie wieder die Muskeln bewegen zu wollen.

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