28. Am Donnerberg (Argentinien)
Wir kommen über den Paso Roballo nach Argentinien. Zwei
Kilometer nach der Grenzstation, mitten in der Pampa, steht ein blauer Landcruiser
mit Kabine und holländischer Crew sowie ein grüner VW-Bus mit deutschen
Nummernschildern. Wir unterhalten
uns kurz und gehen dann weiter unseres Weges. Im Auto erzähle ich Erich, dass mir die holländische Frau
mitgeteilt hat, sie hätten früher einen Unimog um
die Welt gefahren, da sagte er nur
"Lahor, Amritsar" und mir kam sofort das Wort "Basilikum"
über die Lippen. Ich denke, ein Aussenstehender kann unserem Wortspiel nicht
folgen. Jedenfalls ist uns plötzlich klar geworden, dass wir Willi und Klaas
vor genau 10 Jahren in Lahor (Pakistan) und Amritsar (Indien) gesehen haben und
dass sie in ihrem Unimog einen wunderschönen Basilikum im Topf am Fenster
stehen hatten. Vielleicht treffen wir die zwei nochmals, dann können wir sie
fragen, ob sie es wirklich waren. Unterdessen fahren wir durch eine schroffe, karge
Mondlandschaft in sanften Braun- und Rottönen. Unser Auto tuckert
gemütlich eine Kurve nach der anderen nehmend in die Höhe, bis wir nach 1'500
m.ü.M. wieder talwärts fahren. Ich möchte etwas in tieferen Gefielden
schlafen, denn es wird hier oben in der Nacht sehr kalt. Die nächsten
zwei Tage verbringen wir fahrend im Auto, rechts und links erblicken wir nichts,
ausser Pampa und Horizont. Dann biegen wir zum Lago Vintter ab, es wird hügelig und zwischendurch
stehen kleine Baumgruppen von Südbuchen in der Landschaft. Das klare, dunkelblaue
Wasser des Lago Vintters glitzert in der Sonne und im Hintergrund
blitzen die Schneegipfel der Andenketten. An diesem See liegt nur ein kleines
Dorf, zwei-drei Estancias und sonst nichts...
|
 |
|
|
an der Playa Frances in NP los
alerces |
|
Für uns steht fest, dass wir nach diesen langen Fahrtagen
wieder mal etwas unsere Knochen bewegen wollen und so streifen wir wieder mal
den NP Los Alerces. In den Monaten Januar und
Februar sind in Argentinien die grossen Ferien und wir trauen unseren Augen
nicht als wir zu unserem schönen, einsamen Übernachtungsplätzchen im Park
kommen. Wo wir vor einem Monat noch ganz alleine und ungestört gestanden haben
tummeln sich mindestens 30 Zelte auf dem kleinen Plätzchen. Wir finden gerade
noch einen winzigen Winkel, wo wir unser Auto hinstellen können. Oh Schreck, hat
das viele Leute. Am nächsten Tag machen wir uns bei strahlendem Sonnenschein
auf zum Cerro Dedal. Die ersten 800 Höhenmeter überwinden wir auf einem
angenehmen Weg durch Südbuchenwälder. Die letzten 200 Höhenmeter geht es
über Steine und Felsen und wir müssen uns mit den Stöcken Halt verschaffen,
da der Wind uns fast von Berg bläst. Die Aussicht ist gigantisch, wir können
viele Gipfel rundherum ausmachen und sehen den Lago Futalaufquen im Tal
spiegeln.
|
 |
|
|
starker Wind auf dem Cerro
Dedal |
|
Wir übernachten noch 3 mal im Park, bevor wir El Bolson ansteuern.
Endlich hab ich mal im Sommer Geburtstag und Erich organisiert für mich ein Grillfest
und läd noch zwei nette Autoreisende, Birgit und Udo aus Deutschland dazu ein. Das
Assado ist fabelhaft und wir sitzen bis spät in die Nacht im Freien, essen
zartes Fleisch und
trinken feinen argentinischen Wein. Wir waren schon einige male in El Bolson und
wollten eigentlich jedes mal Wandern gehen, doch immer kam etwas dazwischen. Dieses
mal wollen wir es wissen und erkundigen uns beim Club Andino. Claro, im Refugio
des Cerro Lindo hat es immer genug Platz. Das Refugio kann ca. 20 Personen
beherbergen, doch so viele haben sich nicht für morgen eingeschrieben. Glück
für uns, dass es hier ein paar Kilometer weiter noch zwei andere Wanderrouten
(Hielo Azul und Cajon Azul) gibt, die absolut
beliebt und überfüllt sind, so dass wir beim Cerro Lindo in Ruhe wandern
können. Wir erfahren, dass sich heute zur Wanderung "Hielo Azul" 90
Personen und zum "Cajon Azul" 325 Personen eingeschrieben haben,
verrückt oder? Wir fahren zum Campingplatz Rio Azul, denn von hier aus
startet die Wanderung zum Refugio Cerro Lindo.
|
 |
|
|
Hängebrücke über den Rio
Azul |
|
Am nächsten Tag schickt die Sonne ihre glanzvollen Strahlen
vom Himmel und wir sind ganz
überrascht, als uns die Camping-Frau mitteilt, dass es Morgen regnen soll!? Wir
kehren zum Auto zurück und nehmen den Moskitospray aus dem Rucksack um den
Regenhosen platz zu machen und dann geht's los. Uuuuu... zuerst über die
Hängebrücke, deren hälfte Bretter schon im Rio Azul verrotten. Doch ich habe
eigentlich keine Angst: hätte ich allerdings gewusst, dass mich der Typ vom
Club Andino nach der Rückkehr der Wanderung fragen wird, ob die Brücke endlich
geschlossen ist, wären vielleicht doch etwas Zweifel oder Angstgefühle
aufgekommen. Die ersten 10 Minuten gehen über ein ebenes Feld, ideal zum
einlaufen, dann steigt es plötzlich und unausweichlich an. Der Weg führt auch
hier durch wunderschöne Wälder, über glasklare Bäche und an kleinen,
dunklen Lagunen vorbei. Nach vier Gehstunden und 1'200 Höhenmeter haben wir das
Refugio erreicht und breiten unsere Schlafmatten auf dem Dachboden aus. Etwas
später kommt Miguel, der Refugiero, der mit ein paar Leuten auf dem Gipfel war.
Den wollen wir morgen auch besteigen, die Aussicht muss genial sein von weiteren
800 Meter höher. Doch es soll ganz anders kommen, denn in der Nacht
beginnt es zu regnen und das nasse Wetter hält den ganzen Morgen an. So
schlüpfen wir in unsere Regenklamotten und steigen ab. Der Regen verzieht sich
und die letzte Stunden
können wir schon wieder in den Shorts wandern.
|
 |
|
|
gemütlicher Aufenthaltsraum
im Refugio Cerro Lindo |
|
Von Millionen von Jahren war der ganze Vulkan Tronador (3'478 m)
mit Eis bedeckt, nach und nach hat sich das Eis zurückgezogen bis es zum
heutigen Zeitpunkt noch acht Gletscher zurückgelassen hat. Die Gletscher
fliessen nicht langsam ins Tal sondern enden alle über einer einige hundert
Meter hohen Felskante. Der Druck des nachstossenden Eises lässt immer wieder
grosse Eisbrocken explodieren und donnernd in die Tiefe stürzen. Dieses Donnern
hat dem Berg den Namen gegeben: Tronador.
|
 |
|
|
Spitze Chile, International
und Argentinien (v. links) |
|
Pipp...Pipp...Pipp... !!! Ein dreifacher Schock begrüsst mich
heute Morgen. 1. ist mein schöner Traum vorbei, 2. ist es erst 07.00 h und ich
muss schon aufstehen und 3. zeigt das Thermometer keine 2°C und dass bei
defekter Heizung !! Somit streife ich rasch meine warmen Kleider über und
entflamme unseren Gaskocher für heisses Kaffeewasser. Sobald die Sonne etwas
hervorkommt und an unser Zeltdach scheint, wird's schon etwas gemütlicher. Um
8.30 h stehen wir vor dem Infozenter und registrieren uns für die Wanderung zum
Refugio Otto Meiling. Wir wollen dort aber nicht übernachten sondern heute
wieder zurück beim Auto sein. Das Refugio nimmt ca. 60 Personen auf, wenn's
mehr sind müssen einfach alle etwas zusammenrücken. Mit so vielen Leuten in
einem Raum, schnarchend, schweissfüssig und grunzend eng beieinander liegend
kann ich mir echt entgehen lassen. Die erste Stunde des Weges führt uns über einen
Bach, durch Wälder und eher eben voran. Dann kommt die Steigung, die bis zum
Refugio, 1'200 m höher, kein Ende mehr nimmt. Wir kommen gut voran uns
plötzlich stehen wir schon auf gleicher Höhe wie die Abbruchkante des
Gletscher Castaño Overa. Wow, das ist vielleicht ein toller Blick. Der
Gletscher endet plötzlich an der Kante, unter ihm stossen einige Bäche hervor,
die in Form von Wasserfällen über die Felswand hinunterstürzen und sich unten
zum Rio Castaño Overa zusammenfinden. Auch sind
wir ganz alleine auf dem Wanderweg, oder doch nicht? Ein grosser Schatten bewegt
sich immer näher auf uns zu. Gleichzeitig erkennen wir, dass der Schatten zu
einem Kondor gehört, der auf uns
zugeflogen kommt und wir gehen beide automatisch in die Knie. Schschschsch......
wir hören das fliegende Geräusch des Kondors, der Wind, der durch sein
Gefieder rauscht, als er ein paar Meter über
unseren Köpfen dahinschwebt. Etwas weiter vorne dreht er wieder um und kommt
zurück. Er dreht noch zwei mal eine Runde über uns, bevor er hinter der Felswand
verschwindet. Was für eine gigantische Welt; Eisströme, die über Berge
gleiten und Riesenvögel, die sanft im Horizont entschwinden. Wir haben noch ein
paar Schritte auf felsigem, vulkanischem Gestein zu gehen, bevor das Refugio
Otto Meiling in Sicht kommt. Ich staune nicht schlecht, als ich die Hütte
betrete, die von aussen total verwittert und renovierbedürftig in die Welt
blickt,
aber innen sehr gemütlich und konfortabel ausgestattet ist. Wir bestellen beide
ein Dose Sprudelwasser, essen unsere mitgebrachten Sandwiche und entzücken uns
ab dem traumhaften Ausblick aus den Fenstern. Nachdem wir uns noch einen Mate
genehmigt haben, erfreuen wir uns auf einem Felsvorsprung der Bergwelt. Wir
sehen den Cerro Catedral, den wir mit Sandy und Tom vor 10 Monaten bewandert
haben und in der Ferne können wir auch noch den konischen weissen Gipfel des
Vulkan Lanin ausmachen, zudem wir später auch noch fahren wollen. Nach zwei
Stund Ruhepause machen wir uns wieder auf den Abstieg. Mit unserer Entscheidung,
einen Tagesausflug zu unternehmen sind wir sehr zufrieden, denn wir zählen
über 80 Personen, die sich mit vollen Rucksäcken den Berg hoch kämpfen. Wir
"zipperlen" leichten Fusses wieder abwärts, nicht ohne immer wieder einen Blick
auf die gigantische Abbruchkante des Gletschers zu werfen.
|
 |
|
|
beim Refugio Otto Meiling,
Tronador |
|
Heute haben wir uns einen Ruhetag verdient und so erkundigen
wir die Gegend mit dem Auto. Es wird langsam schwierig, dass immer gleich
schöne Wetter jeden Tag in andere Worte zu kleiden. Nach ein paar Kilometer
erreichen wir den Gletscher Manso. Auch er bricht über eine hohe Kante ab und
genau in dem Augenblick, wo wir auf der Aussichtsplattform stehen, donnert es und
wir sehen oben eine gigantische weisse Explosion und riesige Schnee- und Eismassen in
die Tiefe stürzen. Der Berg donnert. In der Tiefe bilden die abgestürzten
kalten Eisbrocken wieder einen neuen Gletscher, den Ventisquero Negro. Negro
deshalb, weil der Gletscher eher eine dunkelbraune Tönung hat und unter dem vielen
Gestein und Schutt fast nicht zu erkennen ist. Er kalbt in einen ebenfalls
braunen See, der am frühen morgen noch leicht gefroren ist. Wir stehen mit
unseren Matetöpfen vor diesem gigantischen Naturschauspiel und lassen es auf
uns einwirken.
|
 |
|
|
Ventisquero Negro |
|
Natürlich kann man in diesem fabelhaften Gebiet noch einige
weitere Wanderungen unternehmen und wir entschliessen uns, zur Lagune Ilón zu
trecken. Am Morgen ist es immer frisch und wir gehen zügig, um uns aufzuwärmen
und auch warme Füsse zu bekommen. Doch nach 20 min. taucht schon das erste
Hindernis auf, der Rio Manso superior. Wir ziehen die Schuhe und Socken aus,
ich zippe meine Hosenbeine ab, knüpfen die Schuhe zusammen und legen sie uns um
den Hals. Iiiiii, der erste Schritt ist eisig, kalt und nass.... zum Glück sind
die Steine im Fluss gross, und so tut es nicht allzu weh, barfuss durch den
Fluss zu waten. Die Stöcke geben uns zusätzlichen halt, denn in der Mitte
reisst der Fluss ganz schön an unseren Beinen.
|
 |
|
|
Erichs Kneipkur, soll ja
gesund sein... |
|
Nachdem wir wieder trockenen Fusses in den Wanderschuhen
stecken, unsere Füsse kribbeln und angenehm warm sind, geht's auf unserem Weg
weiter, der ziemlich rasch und steil ansteigt. Wir kommen immer höher, doch der
dichte Wald versperrt uns jegliche Sicht. Nach zwei Gehstunden lichtet sich der
Wald und wir können auf der gegenüberliegenden Seite den Ventisquero Castaña
Overa glitzern sehen. Wow, dass ist eine tolle Aussicht. Wir bezwingen noch ein
paar hohe Felsen, bevor der Weg eben wird und wir lockeren Fusses durch einen
märchenhaften Wald schwingen. Wir kommen zur Lagune Ilón, deren glasklares
Trinkwasser in der Sonne glitzert. Beim Refugio werden wir herzlich und wie alte
Bekannte begrüsst. Am Lagerfeuer trinken wir unseren verdienten Mate und nach
einer langen Ruhepause machen wir uns wieder auf den Abstieg. Wieder beim Rio
Mnso superior angelangt freue ich mich, meine heissen Füsse abkühlen zu
können. Doch was ist das? Richi muss sogar seine Short hochkrempeln, der Fluss
ist höher und die Strömung noch stärker geworden. Klar, das warme Wetter hat
dazu geführt, dass etwas mehr Eis vom Berg schmilzt wie in der kalten Nacht und
desshalb haben wir jetzt einen höheren Wasserstand. Doch für uns eigentlich
kein Problem und mir macht es richtig Spass, durchs Wasser zu waten.