zurück


29. 7-Seen, Vulkan Lanin, Pampa, Mendoza (Argentinien)

Schweren Herzens verlassen wir den Vulcano Tronador und treffen ein mal mehr in San Carlos de Bariloche ein. Wir haben uns hier mit Mercedes und Norbert (D), die mit ihrem Landcruiser Südamerika bereisen und die wir im Januar 2000 in Jordanien kennen gelernt haben, verabredet. Die beiden haben sich in San Carlos de Bariloche ein wunderschönes Blockhäuschen gemietet, dass auf dem Grundstück zweier Biologen, JoAnne und Werner steht. Wir verbringen zu sechs, sechs wunderschöne, sommerliche, gemütliche, Tage mit vielen Diskussionen, Lachen, Assado und Wein. Wir besuchen zum letzten Mal die Post und bekommen viele Briefe und auch endlich ein Paket, das über zwei Monate von Deutschland hierher mit dem Schiff unterwegs war. Wir lassen San Carlos de Bariloche hinter uns und tuckern entlang dem wilden Rio Limay durch die Pampa, biegen westwärts ab und kommen wieder in bewaldetes und grünes Land am Lago Traful, Lago Hermoso, Lago Meliquina, Lago Lacar bis zum Lago Queñi. Leider ist in Argentinien Ferienzeit, das 7-Seen-Gebiet sehr beliebt, überall ist es übervoll und so kann uns der Reiz der Gegend nicht so richtig packen. Der schönste und ruhigste Platz, jedoch auch abgelegen und nur durch 4x4 zu erreichen, liegt am Lago Queñi. Von hier aus geht's am nächsten Tag zu Fuss zu den nahe gelegenen Queñi-Thermen, die in Form eines heissen Baches den Felsen herunter fliessen. Mit Steinen wurde ein kleiner Pool gebaut und in diesem lassen wir uns stundenlang einweichen.  

einer der vielen 7-Seen

Unser nächstes Ziel ist der Nationalpark Lanin, der bereits 1937 eingerichtet wurde um den kalten Regenwald, vor allem für Baumarten wie "Pehuen" (Araukarie) und die "Rauli", "Lenga", "Ñire" und "Coihue" (alles Südbuchen) zu schützen. Der Park erstreckt sich über 150 km von Nord nach Süd und in seinem Zentrum erhebt sich der 3'768 m hohe Vulkan Lanin. Mit seinem perfekt geformten Konus gilt er vielen Argentiniern als der schönste Berg der Welt. Wir befahren zuerst die südliche Stichstrasse, die zuerst durch trockene Pampa führt und dann plötzlich in einem schönen Südbuchenwald endet. Die nördliche Stichstrasse ist eher langweilig, staubig und holperig, doch dafür können wir direkt "unter" dem Lanin auf dem Besucherparkplatz übernachten und erleben ihn im Abend- und Morgenrot. Unterdessen wird es am Tage schon sehr heiss, locker 32° - 35° und wir verspüren beide keine Lust, den Lanin zu bewandern oder sogar die Spitze zu erklimmen. 

der stolze Vulkan Lanin

Nun folgen fünf lange, heisse, interesannte doch landschaftlich nicht sehr abwechslungsreiche Fahrtage, in denen wir auf relativem guten Asphalt 1'232 Kilometer runterspulen. Die Dörfer oder Kleinstädte, die alle 100 bis 150 km in der wüstenhaften Landschaft auftauchen sind immer wieder von Neuem überraschend. Eigentlich findet man alles Wichtige in diesen Käffern, trotzdem stelle ich mir ein Leben hier sehr abgeschieden vor. Kein Wald, keine Berge, nur ein dünnes braunes Bächlein, dass durch das Kaff tröpfelt, vielleicht noch ein Kino und zwei-drei Restaurants, das wars. 

Eine kleine Erzählung eines Pampa-Fahrtages:
Gegen 10.00h wird gestartet und wir brausen mit etwa 70 km/h über das Teerband durch die Pampa. Vor uns läuft die Strasse schnurgerade aus bis zum Horizont. Rechts und Links erblicken wir die alles überdeckende braune Ebene mit kleinen runden Büschen, die den Anschein erwecken, als ob sie sofort in Flammen aufgehen würden, würde man ein brennendes Streichholz hineinwerfen. Wir hören gespannt dem spannendem Krimi aus unserem CD-Player zu. Die Mittagspause verbringen wir in praller Sonne (35°C) und hüpfen immer von einem Bein aufs andere, da uns kleine blutrünstige Fliegen plagen. Somit fällt die Pause relativ kurz aus. Den Mate lassen wir aus, denn im Auto sind sicher über 40° C und dazu noch ein heisses Getränk die Gurgel hinunter rinnen zulassen, nein Danke! Wieder lauschen wir aufmerksam dem Krimi, während die Räder Kilometer um Kilometer hinter sich lassen. Gegen 16.00h, völlig aufgeweicht von unserem eigenen Schweiss kommen wir in dem kleinen Kaff Chos Malal an. Hier steuern wir den städtischen Campingplatz an und sind überrascht. Netter Rasenplatz erwartet uns und die Duschen und Toiletten sind, nicht unbrauchbar wie beim letzten Platz sondern sauber. Bevor wir uns auf dem Campingplatz niederlassen, drehen wir nochmals eine Runde im Dorf, um auch ja keine Sehenswürdigkeit verpasst zu haben und bei einem Kiosk erstehen wir noch eine kühle Flasche Bier (1'000 cm3 od. 1 l). Wir sind müde und gegen 22.00h schlummern wir ein. Jedoch nicht für lange. Bald kommt ein LKW angebraust und hält direkt neben uns auf der linken Seite, so kommt es mir jedenfalls vor, und lässt seinen Motor noch eine Weile laufen. Schon wieder stehe ich vor der Schwelle zum Traumland, da gibt es nochmals Krach und Lärm. Wieder fährt ein Auto auf den Platz und hält direkt neben uns auf der rechten Seite, so kommt es mir jedenfalls vor. Am nächsten Morgen traure ich meinen Augen nicht als ich aussteige. Der Campingplatz bietet sooo viel Platz, doch der LKW hat direkt neben uns geparkt und das Auto mit dem Zelt direkt auf der anderen Seite. Auch das ist Argentinien!    

Kurz vor Mendoza ändert sich die Landschaft. Das trockene Braun verschwindet und macht vielen Obstplantagen und Weingärten platz. Wir haben den Mörder in unserem CD-Player erwischt und unsere Augen können sich ab dem vielen Grün erfreuen. Mendoza umfahren wir südlich und düsen Richtung chilenische Grenze nach Uspallata. Eigentlich wollten wir höchstens zwei Tage auf dem Autocamping verbringen, schlussendlich wurden es sieben. Nicht unbedingt weil der Platz so schön ist sondern weil wir Nachricht von unseren Reise-Freunden Waltraud und Jürgen bekommen haben, dass sie auch nach Uspallata kommen werden. Wir feiern ein wunderschönes Wiedersehen und haben uns viel zu erzählen, da reicht ein Tag nicht aus. Doch bevor die zwei ankommen, besuchen wir noch den Aconcagua (6'959), den höchsten Berg in Amerika oder der höchste Berg ausserhalb des Himalayas.

Aconcagua

Aconcagua ist wahrscheinlich abgeleitet vom Quetschua-Wort "Acko-cauak", das "steinerner Wächter" bedeutet. Der Name ist gut gewählt, wovon sich jeder überzeugen kann, der von Puente del Inca einige Kilometer weiter in Richtung auf die chilenische Grenze fährt. Nach rechts öffnet sich dann nämlich das Tal de Rio de las Cuevas, und es bietet sich ein atemberaubender Blick auf den etwa 20 km entfernten Gipfel des "steinernen Wächters". Vor allem für Bergsteiger bietet dieser Blick besondere Reize, und dies seit 1897, als der Schweizer Matthias Zurbriggen den Gipfel bezwang. Er sonnt sich im Ruhm der Erstbesteigung, doch darf man vermuten, dass schon zu präkolumbischer Zeit Indianer bis zu diesem Gipfel vorstiessen. Der Aconcagua ist über die Nordroute ohne grosse technische Schwierigkeiten zu besteigen. Wir begnügen uns mit einem halbstündigen Rundgang und geniessen auf dem Parkplatz unser Mittagessen mit Blick auf den Aconcagua. Auf der Fahrt talwärts halten wir bei der Puente del Inca, die immer noch auf 2'720 m Höhe liegt. Die "Brücke der Inka" ist allerdings kein Bauwerk, sondern ein natürlicher Bogen, der sich 47 m hoch und 28 m breit über den Rio Mendoza spannt. Hier befand sich früher auch ein Thermalbad, aber ein Erdrutsch liess die Badehäuser einstürzen. Gebadet wurde im Wasser einer stark schwefelhaltigen heissen Quelle, die hier entspringt und deren Wasser auch der Puente del Inca ihren charakteristische rötliche gelbe Färbung gibt. 

Puente del Inca mit altem Badehaus

Zusammen mit Waltraud und Jürgen fahren wir nach Tibet oder nicht ganz. Jedenfalls wurde der Film "7 Jahre in Tibet" (nach dem Buch von Heinrich Harrer) hier verfilmt. Die Landschaft ist karg, bergig und schimmert in vielen Braun-, Rot-, Orange- und Gelbtönen. Wir kommen auf den Pass Cruz de Paramillo (3'000 m.ü.M.) und können von hier nochmals den Aconcagua ausmachen. Wir erkennen viele Ruinen und wir werden mittels Schildchen darauf hingewiesen, dass die Armee von José de San Martin hier durchzog.

Egal in welche Stadt Argentiniens man kommt - überall gibt es eine Avenida oder eine Calle San Martin. Und meist steht auch noch auf der Plaza ein Denkmal des Befreiers, des Libertadors. Wer war dieser Kriegsheld, der meist mit lockigem Haupthaar und buschigen Koteletten dargestellt wird? José de San Martin wurde am 25. Februar 1778 in Yapeyú in der Provinz Corrientes geboren. 1785 wurde er von seinem Vater, einem hohen Kolonialbeamten, zur Ausbildung nach Spanien geschickt. Dort besuchte er das Adelskolleg in Madrid, und bereits mit zwölf Jahren wurde er Kadett in der Armee. 
Im Frühjahr 1812 kam San Martin nach Buenos Aires zurück und schloss sich alsbald der Unabhängigkeitsbewegung an. Er war zunächst Regimentskommandeur, dann ab 1815 Gouverneur der Cuyo-Region mit Sitz in Mendoza. Dort begann er mit der Aufbau und der Ausbildung einer schlagkräftigen Armee. Denn er hatte erkannt, dass die bis dato errungenen politischen Unabhängigkeit auch militärisch gegen die Spanier durchgesetzt werden musste. Denn diese kontrollierten von Peru aus noch grosse Teile des Kontinents. Ohne ihre Macht zu brechen, gab es keine wirkliche Unabhängigkeit. Ähnlich wie San Martin dachte in Chile auch Bernardo O'Higgins und im Norden Simon Bolivar. In Caracas hatte sich 1810 ein von Simon Bolivar geführte Junta gegen die spanische Herrschaft erhoben. Zwar konnten die Spanier das Land zunächst zurückgewinnen, aber 1817-20 wurden Venezuela und Kolumbien unabhängig. 
In Chile hatte Bernardo O'Higgins die Freiheitstruppen angeführt, allerdings ohne Kriegsglück, 1814 waren die Spanier erneut von Peru aus eingefallen und hatten die Chilenen bei Rancagua besiegt. O'Higgins musste fliehen und ging nach Mendoza zu San Martin. Der Argentinier und der Chilene begannen sofort mit der Aufbau eines Heeres.
1817 begann dann der legendäre Feldzug des San Martin. Mit 10'000 Pferden und Mauleseln überquerte das Heer die Hochanden über 4'000 M hohe Pässe, voll gepackt mit Waffen und tragbaren Brücken, um die engen Schluchten zu überwinden. Am 12. Februar 1817 schlugen Chile und Argentinier die zahlenmässig überlegenen Spanier bei Chacabuco, drei Tage später zogen sie in Santiago de Chile ein. Mit der Schlacht von Maipú am 5. April 1818 war die chilenische Unabhängigkeit endgültig erkämpft. Doch San Martin setzte nach: Er war davon überzeugt, dass die Unabhängigkeit der neuen Staaten so lange in Gefahr sei, solange die Spanier noch über Stützpunkte in Südamerika verfügten, also nicht aus Peru vertrieben waren. Der englische Abenteurer Lord Cochrane finanzierte den Argentinier eine kleine Flotte, und San Martin landete im September 1820 in der Nähe von Callao an der peruanischen Küste. Im Juli 1821 konnte er in das von den Spaniern geräumte Lima einziehen. San Martins Truppen waren in der Zwischenzeit stark geschrumpft. Er erhielt auch keine Unterstützung mehr aus Argentinien und bemühte sich daher um eine Treffen mit Simon Bolivar, das auch Ende Juli 1822 im ecuadorianischen Guyaquil stattfand. Über diese Zusammentreffen der beiden Freiheitskämpfer ist nichts bekannt, doch kam es nicht zu der von San Martin gewünschten Zusammenarbeit. Ob unterschiedliche Vorstellungen über das vorrangige politische Ziel, nämlich einen starken Staatenbund in Südamerika zu schaffen, eine Rolle spielten? Da inzwischen der Wiederstand der Spanientreue in Lima gewachsen war und San Martins Ruhm in Buenos Aires dank verschiedenster Intrigen arge Kratzer bekommen hatte, zog sich der später als "Libertador" (Befreier) Gefeierte nach Europa zurück. Er starb am 17. August 1850 in Boulogn-sur-Mer, einer Kleinstadt an der französischen Kanalküste. 30 Jahre später wurden seine Gebeine nach Buenos Aires übergeführt.
Datenquelle: Kosmos NaturReiseführer Argentinien/Chile

In Mendoza quartieren wir uns auf einem Campingplatz beim Stadtpark San Martin ein. Mendoza (900'000 Einwohner) liegt auf etwa 900 m Höhe am Fusse der Anden. Die Stadt wurde bereits 1561 gegründet und nach dem damaligen Gouverneur von Chile, Pedro de Mendoza, benannt. Doch im Stadtzentrum gibt es nicht mehr viel, das an die lange Stadtgeschichte erinnert. Denn 1861 hat ein schweres Erdbeben Mendoza erschüttert und fast vollständig zerstört. Auch 1965 bebte die Erde und dann noch einmal im Oktober 1997. Beide Male gab es allerdings keine grösseren Schäden, da in Mendoza nur wenige Hochhäuser stehen und die meisten Gebäude nur drei- bis vierstöckig sind. Wer sich Mendoza nähert, wird kaum glauben, was das Indianerwort "Cuyo" bedeutet: trockene, sandige Erde. Aber es beschreibt die Region zutreffend, denn alles Grün, das um Mendoza spriesst - und grün ist es überall, seien es Weingärten, Felder oder Obstplantagen -, all das wird künstlich bewässert. In Mendoza regnet es (fast) nie, knappe 200 mm Niederschläge fallen im Jahr. Jedoch ist alles anders, als wir in Mendoza weilen. Da noch weitere Autoreisenden (Birgit+Udo/Rundhauber, Viviane+Peter/Bremach) auf dem Platz sind, wollen wir an unserem ersten Abend ein Grillfest veranstalten. Das Feuer brennt und übersteht den ersten Regenschauer. Wir entfachen das Feuer ein zweites Mal und haben eine geniale Idee, wie wir alle acht im Trockenen sitzen können. Beim spannen der Plane über den Tisch, dessen Arbeit 14 Hände beansprucht, bricht eine schwarze Wolke über uns zusammen und leert sich buchstäblich auch. Ich stehe mit dem Regenschirm über dem Feuer um es "trocken" zu halten. Der Himmel ist rabenschwarz und öffnet seine Schleusen. Nach 5 Minuten ist klar, dass unser Grillfest buchstäblich ins Wasser fällt und alle verkriechen sich in ihren Fahrzeugen. Der Regen, Blitz und Donner hält noch lange an, der Boden kann die viele Flüssigkeit nicht aufnehmen und schwemmt alles vor sich her. Neben uns steht das Zelt von Gina und Werner (us Rieche) und Werner schaufelt in den Badehosen einen Graben um das Zelt. Zum Glück sind sie gut ausgerüstet und bleiben mehr oder weniger trocken. Diese Nacht fielen sicher mehr wie 200 mm Regen! Der nächste Tag empfängt uns wieder mit heissem Sommerwetter und wir schlemmern unser feines Assado den ganzen Nachmittag durch. Die nächsten zwei Tage erkundigen wir Mendoza. Zu Fuss geht es durch den schönen schattigen Park und im Zentrum können wir immer im Schatten der Bäume wandern. Mir gefällt Mendoza, eine kleine, ruhige Stadt mit vielen feinen Restaurants. Wieder heisst es Abschied nehmen von Waltraud und Jürgen, das letzte Mal in Südamerika. Ihr Weg führt nach Süden und unserer nach Osten. 

 

zurück