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Es war einmal ein Mädchen namens Nú,
die sich mit den häuslichen Arbeiten in der Höhle, die sie mit
ihrer fast 40-köpfigen Familie teilte, dazu zählten neben sieben Brüder, Mutter und
Vater auch ihre vier Onkel mit Frauen und Kindern, schwer tat. Sie war die jüngste aller
Kinder und führte den Speer schon wie ihr Vater. Doch ihre Aufgabe war es, Feuerholz
zu suchen und Wasser zu hole, obwohl sie viel lieber an der Jagd teilgenommen
hätte.
Doch bevor wir zurück zur Geschichte von Nú schwenken, driften wir 10'000
Jahre in die Zukunft ab, ins Jahr 2008.
Für uns ist die Carretera Austral in
Cochrane zu Ende. Wir fahren ins Valle Chacabuco, und fallen in eine verzauberte
Welt. Rechts und links der Strasse erheben sich die rotbraunen kahlen Berge, und
der Weg windet sich in fein geschwungenen Kurven ins Tal, die trockenen
Grasbüschel, die die Hänge bedecken, leuchten golden, fast rot und struppig wie
Pumukels Haar. Wir können den Rio Chacabuco im Tal leuchten sehen, der seinen Weg durch den harten Boden gräbt und
Büsche an seine Ufer scharrt, die
mit ihren dünnen Zweigen fein mit dem Wind tanzen. Es dauert nicht lange und
wir sehen die ersten Guanakos. Diese kamelartigen sanften Geschöpfe leben in Verbänden von 5-25 Tieren, Weibchen mit ihren Jungen und jeweils ein
Leithengst. Die Männchen werden im Alter von 6-12 Monaten vertrieben und bilden
dann grössere Trupps bis sie 3-4 Jahre alt sind. Dann versuchen sie selber
einen Familienverband zu übernehmen. Der Kampf besteht darin, den Gegner
umzuwerfen oder ihn in die Beine zu beissen.
Wir fahren weiter über die Schotterstrasse bis mir auf einmal ein Schrei
entfährt, " huch, da vorne rollt ein Stein!" Erich fängt an zu
lachen, denn der Stein entpuppt sich als Pichi, ein Gürteltier. Wir halten
an und das Pichi untersucht zuerst unser Vorderrad. Danach findet es Gefallen an
Erichs Schuh. Als Erich dann mit den Zehen wackelt, merkt Eugen, so haben wir
das Pichi getauft, dass da
irgendetwas nicht stimmen kann. Eugen sieht wohl nicht mehr gut, denn Erichs Schuhe
sind blau. Doch nachdem das wackelige blaue Etwas Eugen doch ungeheuer wird,
macht es "wusch", und Eugen wuselt mit seinen
kleinen Beinchen wieder davon. Und Tschüss!
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| sein Name ist Eugen! |
Inmitten dieser wilden Natur finden wir
einen Traumplatz zum übernachten. Hundert Meter vor uns grast eine
Guanakoherde. Die Tiere blicken mit ihren dunklen Knopfaugen noch etwas unsicher
in unsere Richtung und ihre langen Ohren bewegen sich vor und zurück. Sie
merken bald, dass keine Gefahr von uns ausgeht und grasen weiter. Beim
Einschlafen hören wir eigenartige Geräusche wie das Flüstern einer
dreiköpfigen Mädchengruppe im Teenageralter, die sich Vermutungen über den
"Ersten Kuss" zuraunen oder so etwas wie das Grunzen der Orcs aus
"Herr der Ringe". Doch es sind nur die Guanakos, die sich Geschichten
erzählen.
Am nächsten Tag überqueren wir die Grenze Chile-Argentinien und werden vom
chilenischen Zollbeamten aufgeklärt, dass Señor Tompkins (Northface/Esprit und
Gründer des Nationalparks Pumalin) auch hier
im Valle Chacabuco seine Hände im Spiel hat und deshalb alle Zäune abgebaut
werden, damit die Natur ungehindert ihr Territorium zurückerobern kann.
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| was ist denn da los? |
Wir kommen an einer Lagune vorbei und staunen nicht schlecht. Zwei Flamingos steigen mit ihren Beinen, die wie dünne Bleistifte wirken durch die Lagune. Ihren Kopf mit dem schwarzen, dicken und gebogenen Schnabel halten sie unentwegt ins Wasser und suchen nach Nahrung. Und plötzlich entsteht schnatternde Unruhe. Einer der Flamingos hat sich wohl nichts dabei gedacht, näher an die Entenkolonie zu kommen, die friedlich zwischen dem Schilfgras dahindöste. Diese jedoch sind empört, fauchen und schlagen wichtigtuerisch mit den Flügeln. Der Flamingo nimmt ein-zwei grosse Schritte nach hinten und frisst weiter. Die Entenschar beruhigt sich allmählich und die Pampa hat wieder ihren Frieden.
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| Rio Pinturas oder Nús Schlucht |
Nú lauft barfuss in der Schlucht. Blickt sie über die rechte Schulter zurück, kann sie hinauf zur Höhle sehen, die wie ein Adlerhorst in der riesigen Felswand hängt. Heute muss sie Feuerholz suchen, doch sie vergisst bald ihre Aufgabe, denn sie erblickt das Schopfenten-Paar, das sich vor ein paar Wochen hier niedergelassen hat. Sie haben ihr Nest am Ufer unter einer uralten Trauerweide gebaut, und fünf Eier schimmern durch das Nest. Wüsten ihre Brüder davon, hätten die Enten bald keinen Nachwuchs mehr, doch ihr bereitet es ungemeine Zufriedenheit, täglich die Enten, die sie Ruri und Pati nennt, zu besuchen. Meistens sitzt sie still am gegenüberliegenden Ufer, versteckt in der dichten Vegetation. Versteckt, damit sie Ruri und Pati nicht sehen und ungehindert ihre Ruhe haben aber auch, damit ihre Brüder sie nicht finden. Heute watschelt Ruri, das Männchen, durch das seichte Wasser und wirbelt den Schlamm auf, damit er mit seinem Schnabel das Wasser nach Essbaren durchsieben kann. Mit glänzender Brust stolziert er wieder ans Nest, wohl vollgefressen. Er schnattern aufgeregt zu Pati, die sich dann abwendet und sich watschelnd auf den Weg zur Futtersuche macht. Ein kühler Luftzug streicht entlang der bewachsenen Uferböschung und Nú fröstelt es. Nun kommt ihr auch wieder ihre Aufgabe in den Sinn, Feuerholz. Sie macht sich auf den Weg in der Hoffnung, vielleicht noch andere Tiere zu sehen. Wieso ist sie keine Junge, dann könnte sie mit ihren Brüdern auf die Jagd gehen und die majestätischen Guanakos beobachten. Den Speer, den sie besser als ihre Brüder wirft, würde sie absichtlich daneben in die Erde treiben.
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| ohne Worte |
Die Tage vergehen, die kalten Nächte
werden wärmer und nun muss Nú zwei mal am Tag ins Tal laufen, um Wasser für
ihre Sippe zu holen. Doch ihr gefällt die Bewegung ihrer Muskeln, die sie
spürt, wenn sie den steilen Weg hinaufgeht, rechts und links ihre Kalebassen
mit Wasser gefüllt. Die warme Jahreszeit findet sie auch deshalb so toll, weil
die wunderschön bemalte Höhle, in der sie wohnt, im Abendlicht ganz golden und verzaubert wirkt. Die meisten Zeichnungen kennt sie, die nachgestellte
Jagdszene, die ihr Grossvater mit einer Farbe aus Blut, vermischt mit Mineralien an die Wand
gezaubert hat oder auch die Guanakos mit den Jungen im Bauch, die ihr Vater kurz
nach ihrer Geburt gemalt hat. Nú hat das Gefühl, dass diese Bilder ihre Seele
in der Nacht bewachen, sie weiss, hier kann ihr nichts passieren. Ihr grosser
Bruder wird die Tradition der Bilder fortsetzen. Er durfte bis heute noch nicht
an den Wänden der Höhle arbeiten, die nur für spezielle Gegebenheiten reserviert
sind. Doch er hat ihr schon einige Bilder auf kleinere Steine gemalt. Das
Guanako gefiel ihr am besten und sie hatte doch tatsächlich das Gefühl, das
Tier würde sich ab dem
Stein erheben und davon galoppieren. Auch das Pichi das er gemalt hatte, bevor
Nú es für den Braten vorbereiten musste, essen konnte sie davon nichts, hat
auf dem Stein plötzlich seinen Kopf hin und her bewegt, ist
hinuntergekrabbelt und nach ein paar Sekunden, die Nase tief im Sand schnüffelnd, in die Ferne davon
gewuselt.
Die erste Zeremonie die ihr grosser Bruder an die Höhlenwand verewigen darf wird ihre Hochzeit sein. Beim nächsten hellen Mond wird es statt finden.
Nú kennt den Jungen, wer kennt ihn nicht, denn er hat 6 Finger und er ist der
beste Jäger. Nú hat nur zugestimmt weil sie ihn bewundert, nicht wegen den
Fingern sondern weil er der einzige Junge ist, der den Speer weiter wirft als
sie. Lele und ihre Hand werden zur Zeremonie in rote Farbe getunkt und dann an
die Höhlenwand gedrückt. Sie weiss noch nicht, an welchen Platz ihre Hand
kommt, doch sie hofft, der Sippen-Älteste wird seine Entscheidung nach ihrem
Wunsch, ihre Hand neben den Guanakos ihres Grossvaters zu drücken,
berücksichtigen.
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| Leles Hand mit 6 Fingern |
Wieder zurück im Jahre 2008 rumpeln wir über üble Schotterpiste nördlich von Bajo Caracoles in die Stichstrasse zu der Cueva de los manos. Wir übernachten mitten in der Pampa, der Wind bläst so stark, dass wir uns entschliessen mit geschlossenem Dach zu schlafen. Nicht ganz so luxuriös, doch immer noch bequem. Am nächsten Tag sind wir beide leicht aufgeregt. Die ersten 30 km führt uns durch eine pampine Ebene, wie wir sie schon kennen. Doch dann, irgendwie ist es plötzlich passiert, wechselt die gradlinige Strasse in kurviges und hügeliges Gebiet und wir stehen vor der Schlucht, die der Rio Pinturas gegraben hat und dessen Ufer üppiges Grün schmückt.
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| Fast-Vollmond-Nacht in der Pampa |
Der helle Mond wird heute Abend die
Höhle erleuchten und Nú ist schon etwas aufgeregt. Lele hat ihr gestern ein
totes Guanako geschenkt. Ihre Mutter hat Nú beobachtet, dass sie den
Hochzeitseintopf auch mit allen rituellen Zutaten zubereitet und auch das Fell
richtig zum Trocknen aufhängt, welches als Unterlage für ihr erstes Baby verwendet werden
wird. Ihr grosser Bruder mischt schon seit Sonnenaufgang die Farbe für die
Höhlenbemalung - sein erster Wandschmuck. Die ungewohnte neue Arbeit hat Nú die
Zeit vergessen lassen und als sie jetzt ins Tal blickt, sieht sie schon die
langen Schatten, die ihr sagen, dass sie sich für die Hochzeitszeremonie bereit
machen muss.
Der Augenblick ist da, die ganze
Sippe versammelt. Nú und Lele tauchen ihre linke Hand in die Farbe und drücken
diese gemeinsam an die Höhlenwand. Oben rechts erkennt sie ein neues Guanako,
es leuchtet in heller, frischer Farbe und sie ist sehr stolz auf ihren grossen Bruder. Doch sie muss
sich jetzt auf die Zeremonie konzentrieren. Die Hand muss sie genau 50 Atemzüge
unbeweglich an der kalten Wand gepresst halten während der Sippen-Älteste die
Hochzeitszeremonie mit seinen segnenden Worten begleitet. Nú weiss, dass sie
durch ihre Handlung unvergesslich bleiben wird und ist glücklich, dass sie
über ihrer linken Hand die Guanakoherde ihres Grossvaters im Stein
davon galoppieren sieht.
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| Nús Hand |
Der Guide kommt uns schon entgegen und wir können auf die nächste Tour. Die Höhlen dürfen nur noch begleitet besichtigt werden, da sonst zu viel zerstört wird, welch ein Armutszeugnis an uns Menschen! Wir bekommen einen Helm aufgesetzt und gehen in raschem Tempo zu den Felswänden. In die Höhle, die etwa 25 m tief und 15 m breit ist, kann man nicht hinein und grosse Gitter schützen die Bildern. Trotzdem, ich bin hin und weg. Diese Malereien sind schon so alt und vor meinem geistigen Auge sehe ich Nú, wie sie Hand in Hand mit Lele in die Schlucht wandert.
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| sind wir jetzt in Dallas oder was? |
Zurück in der Zukunft sehen wir bald
andere Bilder - Ölpumpen, soweit das Auge reicht! In Argentinien haben wir oft Versorgungsschwierigkeiten
an den Tankstellen vorgefunden. Oft gab es nur limitiert Diesel oder Benzin oder
man musste einige Stunden warten. Wieso diese Engpässe bestehen, konnten wir
nicht herausfinden.
Nach diesem industriellen Blick in die Landschaft wollen wir etwas tiefer in die Vergangenheit
reisen. Auf Schotterpisten
fahren wir in den Norden. Nach etlichen Kilometern kommen wir für kurze Zeit
auf Asphalt und wir sind beide erstaunt, wie leise unser Auto fährt. Doch was ist das?
Irgendwie brummt es eigenartig. Erich findet bald heraus, dass das vordere linke
Rad im Radlager Spiel hat. So beschliessen wir, einen grösseren Kreis auf befestigter Strasse zu fahren
und besuchen Comodoro Rivadavia, wo uns die Toyota-Werkstatt aber nicht helfen
kann uns aber mitteilt, dass unser lockeres Radlager kein Problem sei. Wir
wollen aber sicher sein und telefonieren nach Hause, wo uns unser Freund Tom
auch mitteilt, dass es nicht so übel sei, genau wie unsere Toyota-Werkstatt zu
Hause. Doch bei Gelegenheit sollte man schon....
Wir fahren also weiter, aber
nicht mehr auf Schotter sondern auf Asphalt.
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| Steinbäume ragen aus Steinfelsen |
Etwas südlich von Sarmiento beginnt eine eigene Welt, eine farbige Landschaft mit kargen Hügeln, die rot, braun und grau in der Abendsonne schimmern. Wir zahlen den Eintritt des "Bosque petrificado" und der Parkwächter erklärt uns den Weg, der uns in einem 40 Minuten dauernden Rundgang durch das Gelände führen soll. Die Stämme sehen wirklich aus wie echtes Holz, doch eine kurze Berührung lässt uns fühlen, dass dieses kalte Material nicht Holz sein kann. Ich bin vollkommen verwundert, wie kann aus Holz Stein werden?
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| zähl mal die Ringe bei 65 Millionen Jahre? |
Der Reiseführer gibt über diesen Park
nicht viel preis. Die Bäume wurden vor 65 Millionen Jahren von stark
strömenden Flüssen aus den Bergregionen hierher transportiert. Mit
irgendetwas (Eis, Asche und Lava bei Vulkanausbrüchen oder irgendwelche Erdrutsche?)
wurden diese riesigen Baumstämme dann zugedeckt. Nun konnten sich die
Baumstämme verwandeln, von Holz zu Stein. Schlussendlich wurden die Stämme durch
Wind und Regen wieder freigesetzt.
Die versteinerten Stämme liegen kreuz und quer im Gelände. Einige Stämme ragen
aus
den Felsen heraus, so als ob sie uns vom Fenster aus zuwinken würden. Das sieht wirklich
bizarr aus! An einigen Orten liegen die Stämme in Holzspänen, die
ebenfalls aus Stein sind. Das Sehende passt nicht mit dem Hörenden zusammen,
denn wir spüren nicht unsere federnden Schritte als wir auf den Spänen laufen,
sondern hören das Knirschen von zusammenreibenden Steinen.
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| So kann man sich täuschen! Nicht Holz- sondern Steinspäne |
Wir sind die einzigen Besucher hier und
wir kommen uns vor, wie Aussätzige oder Verbannte. Die Landschaft ist einsam,
trocken und staubig, der Wind bläst so stark, dass uns die Sandkörner bis zu
den Oberschenkeln raufpeitschen und uns pieksen. Aua. Das Herumschlendern ist auch
nicht einfach, denn die sturmartigen Böen schaffen es, dass unsere Beine
zur Seite wegstolpern. Zurück im Auto verarbeiten wir das Gesehene im
Gespräch, mit feinem argentinischen Rotwein und der Massage unserer
sandgestrahlten Beine. So eine Reise in die Vergangenheit fordert seinen
Tribut!
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