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...die, in der wir in die Vergangenheit reisen... (Folge 103)

Es war einmal ein Mädchen namens Nú, die sich mit den häuslichen Arbeiten in der Höhle, die sie mit ihrer fast 40-köpfigen Familie teilte, dazu zählten neben sieben Brüder, Mutter und Vater auch ihre vier Onkel mit Frauen und Kindern, schwer tat. Sie war die jüngste aller Kinder und führte den Speer schon wie ihr Vater. Doch ihre Aufgabe war es, Feuerholz zu suchen und Wasser zu hole, obwohl sie viel lieber an der Jagd teilgenommen hätte. 
Doch bevor wir zurück zur Geschichte von Nú schwenken, driften wir 10'000 Jahre in die Zukunft ab, ins Jahr 2008. 

Für uns ist die Carretera Austral in Cochrane zu Ende. Wir fahren ins Valle Chacabuco, und fallen in eine verzauberte Welt. Rechts und links der Strasse erheben sich die rotbraunen kahlen Berge, und der Weg windet sich in fein geschwungenen Kurven ins Tal, die trockenen Grasbüschel, die die Hänge bedecken, leuchten golden, fast rot und struppig wie Pumukels Haar. Wir können den Rio Chacabuco im Tal leuchten sehen, der seinen Weg durch den harten Boden gräbt und Büsche an seine Ufer scharrt, die mit ihren dünnen Zweigen fein mit dem Wind tanzen. Es dauert nicht lange und wir sehen die ersten Guanakos. Diese kamelartigen sanften Geschöpfe leben in Verbänden von 5-25 Tieren, Weibchen mit ihren Jungen und jeweils ein Leithengst. Die Männchen werden im Alter von 6-12 Monaten vertrieben und bilden dann grössere Trupps bis sie 3-4 Jahre alt sind. Dann versuchen sie selber einen Familienverband zu übernehmen. Der Kampf besteht darin, den Gegner umzuwerfen oder ihn in die Beine zu beissen.

Wir fahren weiter über die Schotterstrasse bis mir auf einmal ein Schrei entfährt, " huch, da vorne rollt ein Stein!" Erich fängt an zu lachen, denn der Stein entpuppt sich als Pichi, ein Gürteltier. Wir halten an und das Pichi untersucht zuerst unser Vorderrad. Danach findet es Gefallen an Erichs Schuh. Als Erich dann mit den Zehen wackelt, merkt Eugen, so haben wir das Pichi getauft, dass da irgendetwas nicht stimmen kann. Eugen sieht wohl nicht mehr gut, denn Erichs Schuhe sind blau. Doch nachdem das wackelige blaue Etwas Eugen doch ungeheuer wird, macht es "wusch", und Eugen  wuselt mit seinen kleinen Beinchen wieder davon. Und Tschüss!   

 
sein Name ist Eugen!

Inmitten dieser wilden Natur finden wir einen Traumplatz zum übernachten. Hundert Meter vor uns grast eine Guanakoherde. Die Tiere blicken mit ihren dunklen Knopfaugen noch etwas unsicher in unsere Richtung und ihre langen Ohren bewegen sich vor und zurück. Sie merken bald, dass keine Gefahr von uns ausgeht und grasen weiter. Beim Einschlafen hören wir eigenartige Geräusche wie das Flüstern einer dreiköpfigen Mädchengruppe im Teenageralter, die sich Vermutungen über den "Ersten Kuss" zuraunen oder so etwas wie das Grunzen der Orcs aus "Herr der Ringe". Doch es sind nur die Guanakos, die sich Geschichten erzählen. 
Am nächsten Tag überqueren wir die Grenze Chile-Argentinien und werden vom chilenischen Zollbeamten aufgeklärt, dass Señor Tompkins (Northface/Esprit und Gründer des Nationalparks Pumalin) auch hier im Valle Chacabuco seine Hände im Spiel hat und deshalb alle Zäune abgebaut werden, damit die Natur ungehindert ihr Territorium zurückerobern kann. 

was ist denn da los?

Wir kommen an einer Lagune vorbei und staunen nicht schlecht. Zwei Flamingos steigen mit ihren Beinen, die wie dünne Bleistifte wirken durch die Lagune. Ihren Kopf mit dem schwarzen, dicken und gebogenen Schnabel halten sie unentwegt ins Wasser und suchen nach Nahrung. Und plötzlich entsteht schnatternde Unruhe. Einer der Flamingos hat sich wohl nichts dabei gedacht, näher an die Entenkolonie zu kommen, die friedlich zwischen dem Schilfgras dahindöste. Diese jedoch sind empört, fauchen und schlagen wichtigtuerisch mit den Flügeln. Der Flamingo nimmt ein-zwei grosse Schritte nach hinten und frisst weiter. Die Entenschar beruhigt sich allmählich und die Pampa hat wieder ihren Frieden. 

 
Rio Pinturas oder Nús Schlucht

Nú lauft barfuss in der Schlucht. Blickt sie über die rechte Schulter zurück, kann sie hinauf zur Höhle sehen, die wie ein Adlerhorst in der riesigen Felswand hängt. Heute muss sie Feuerholz suchen, doch sie vergisst bald ihre Aufgabe, denn sie erblickt das Schopfenten-Paar, das sich vor ein paar Wochen hier niedergelassen hat. Sie haben ihr Nest am Ufer unter einer uralten Trauerweide gebaut, und fünf Eier schimmern durch das Nest. Wüsten ihre Brüder davon, hätten die Enten bald keinen Nachwuchs mehr, doch ihr bereitet es ungemeine Zufriedenheit, täglich die Enten, die sie Ruri und Pati nennt, zu besuchen. Meistens sitzt sie still am gegenüberliegenden Ufer, versteckt in der dichten Vegetation. Versteckt, damit sie Ruri und Pati nicht sehen und ungehindert ihre Ruhe haben aber auch, damit ihre Brüder sie nicht finden. Heute watschelt Ruri, das Männchen, durch das seichte Wasser und wirbelt den Schlamm auf, damit er mit seinem Schnabel das Wasser nach Essbaren durchsieben kann. Mit glänzender Brust stolziert er wieder ans Nest, wohl vollgefressen. Er schnattern aufgeregt zu Pati, die sich dann abwendet und sich watschelnd auf den Weg zur Futtersuche macht. Ein kühler Luftzug streicht entlang der bewachsenen Uferböschung und Nú fröstelt es. Nun kommt ihr auch wieder ihre Aufgabe in den Sinn, Feuerholz. Sie macht sich auf den Weg in der Hoffnung, vielleicht noch andere Tiere zu sehen. Wieso ist sie keine Junge, dann könnte sie mit ihren Brüdern auf die Jagd gehen und die majestätischen Guanakos beobachten. Den Speer, den sie besser als ihre Brüder wirft, würde sie absichtlich daneben in die Erde treiben.

 
ohne Worte

Die Tage vergehen, die kalten Nächte werden wärmer und nun muss Nú zwei mal am Tag ins Tal laufen, um Wasser für ihre Sippe zu holen. Doch ihr gefällt die Bewegung ihrer Muskeln, die sie spürt, wenn sie den steilen Weg hinaufgeht, rechts und links ihre Kalebassen mit Wasser gefüllt. Die warme Jahreszeit findet sie auch deshalb so toll, weil die wunderschön bemalte Höhle, in der sie wohnt, im Abendlicht ganz golden und verzaubert wirkt. Die meisten Zeichnungen kennt sie, die nachgestellte Jagdszene, die ihr Grossvater mit einer Farbe aus Blut, vermischt mit Mineralien an die Wand gezaubert hat oder auch die Guanakos mit den Jungen im Bauch, die ihr Vater kurz nach ihrer Geburt gemalt hat. Nú hat das Gefühl, dass diese Bilder ihre Seele in der Nacht bewachen, sie weiss, hier kann ihr nichts passieren. Ihr grosser Bruder wird die Tradition der Bilder fortsetzen. Er durfte bis heute noch nicht an den Wänden der Höhle arbeiten, die nur für spezielle Gegebenheiten reserviert sind. Doch er hat ihr schon einige Bilder auf kleinere Steine gemalt. Das Guanako gefiel ihr am besten und sie hatte doch tatsächlich das Gefühl, das Tier würde sich ab dem Stein erheben und davon galoppieren. Auch das Pichi das er gemalt hatte, bevor Nú es für den Braten vorbereiten musste, essen konnte sie davon nichts, hat auf dem Stein plötzlich seinen Kopf hin und her bewegt, ist hinuntergekrabbelt und nach ein paar Sekunden, die Nase tief im Sand schnüffelnd, in die Ferne davon gewuselt. 
Die erste Zeremonie die ihr grosser Bruder an die Höhlenwand verewigen darf wird ihre Hochzeit sein. Beim nächsten hellen Mond wird es statt finden. Nú kennt den Jungen, wer kennt ihn nicht, denn er hat 6 Finger und er ist der beste Jäger. Nú hat nur zugestimmt weil sie ihn bewundert, nicht wegen den Fingern sondern weil er der einzige Junge ist, der den Speer weiter wirft als sie. Lele und ihre Hand werden zur Zeremonie in rote Farbe getunkt und dann an die Höhlenwand gedrückt. Sie weiss noch nicht, an welchen Platz ihre Hand kommt, doch sie hofft, der Sippen-Älteste wird seine Entscheidung nach ihrem Wunsch, ihre Hand neben den Guanakos ihres Grossvaters zu drücken, berücksichtigen.  

 
Leles Hand mit 6 Fingern

Wieder zurück im Jahre 2008 rumpeln wir über üble Schotterpiste nördlich von Bajo Caracoles in die Stichstrasse zu der Cueva de los manos. Wir übernachten mitten in der Pampa, der Wind bläst so stark, dass wir uns entschliessen mit geschlossenem Dach zu schlafen. Nicht ganz so luxuriös, doch immer noch bequem. Am nächsten Tag sind wir beide leicht aufgeregt. Die ersten 30 km führt uns durch eine pampine Ebene, wie wir sie schon kennen. Doch dann, irgendwie ist es plötzlich passiert, wechselt die gradlinige Strasse in kurviges und hügeliges Gebiet und  wir stehen vor der Schlucht, die der Rio Pinturas gegraben hat und dessen Ufer üppiges Grün schmückt.  

 
Fast-Vollmond-Nacht in der Pampa

Der helle Mond wird heute Abend die Höhle erleuchten und Nú ist schon etwas aufgeregt. Lele hat ihr gestern ein totes Guanako geschenkt. Ihre Mutter hat Nú beobachtet, dass sie den Hochzeitseintopf auch mit allen rituellen Zutaten zubereitet und auch das Fell richtig zum Trocknen aufhängt, welches als Unterlage für ihr erstes Baby verwendet werden wird. Ihr grosser Bruder  mischt schon seit Sonnenaufgang die Farbe für die Höhlenbemalung - sein erster Wandschmuck. Die ungewohnte neue Arbeit hat Nú die Zeit vergessen lassen und als sie jetzt ins Tal blickt, sieht sie schon die langen Schatten, die ihr sagen, dass sie sich für die Hochzeitszeremonie bereit machen muss. 
Der Augenblick ist da, die ganze Sippe versammelt. Nú und Lele tauchen ihre linke Hand in die Farbe und drücken diese gemeinsam an die Höhlenwand. Oben rechts erkennt sie ein neues Guanako, es leuchtet in heller, frischer Farbe und sie ist sehr stolz auf ihren grossen Bruder. Doch sie muss sich jetzt auf die Zeremonie konzentrieren. Die Hand muss sie genau 50 Atemzüge unbeweglich an der kalten Wand gepresst halten während der Sippen-Älteste die Hochzeitszeremonie mit seinen segnenden Worten begleitet. Nú weiss, dass sie durch ihre Handlung unvergesslich bleiben wird und ist glücklich, dass sie über ihrer linken Hand die Guanakoherde ihres Grossvaters im Stein davon galoppieren sieht.

 
Nús Hand

Der Guide kommt uns schon entgegen und wir können auf die nächste Tour. Die Höhlen dürfen nur noch begleitet besichtigt werden, da sonst zu viel zerstört wird, welch ein Armutszeugnis an uns Menschen! Wir bekommen einen Helm aufgesetzt und gehen in raschem Tempo zu den Felswänden. In die Höhle, die etwa 25 m tief und 15 m breit ist, kann man nicht hinein und grosse Gitter schützen die Bildern. Trotzdem, ich bin hin und weg. Diese Malereien sind schon so alt und vor meinem geistigen Auge sehe ich Nú, wie sie Hand in Hand mit Lele in die Schlucht wandert.

 
sind wir jetzt in Dallas oder was?

Zurück in der Zukunft sehen wir bald andere Bilder - Ölpumpen, soweit das Auge reicht! In Argentinien haben wir oft Versorgungsschwierigkeiten an den Tankstellen vorgefunden. Oft gab es nur limitiert Diesel oder Benzin oder man musste einige Stunden warten. Wieso diese Engpässe bestehen, konnten wir nicht herausfinden.  

Nach diesem industriellen Blick in die Landschaft wollen wir etwas tiefer in die Vergangenheit reisen. Auf Schotterpisten fahren wir in den Norden. Nach etlichen Kilometern kommen wir für kurze Zeit auf Asphalt und wir sind beide erstaunt, wie leise unser Auto fährt. Doch was ist das? Irgendwie brummt es eigenartig. Erich findet bald heraus, dass das vordere linke Rad im Radlager Spiel hat. So beschliessen wir, einen grösseren Kreis auf befestigter Strasse zu fahren und besuchen Comodoro Rivadavia, wo uns die Toyota-Werkstatt aber nicht helfen kann uns aber mitteilt, dass unser lockeres Radlager kein Problem sei. Wir wollen aber sicher sein und telefonieren nach Hause, wo uns unser Freund Tom auch mitteilt, dass es nicht so übel sei, genau wie unsere Toyota-Werkstatt zu Hause. Doch bei Gelegenheit sollte man schon.... 
Wir fahren also weiter, aber nicht mehr auf Schotter sondern auf Asphalt. 

 
Steinbäume ragen aus Steinfelsen

Etwas südlich von Sarmiento beginnt eine eigene Welt, eine farbige Landschaft mit kargen Hügeln, die rot, braun und grau in der Abendsonne schimmern. Wir zahlen den Eintritt des "Bosque petrificado" und der Parkwächter erklärt uns den Weg, der uns in einem 40 Minuten dauernden Rundgang durch das Gelände führen soll. Die Stämme sehen wirklich aus wie echtes Holz, doch eine kurze Berührung lässt uns fühlen, dass dieses kalte Material nicht Holz sein kann. Ich bin vollkommen verwundert, wie kann aus Holz Stein werden? 

 
zähl mal die Ringe bei 65 Millionen Jahre?

Der Reiseführer gibt über diesen Park nicht viel preis. Die Bäume wurden vor 65 Millionen Jahren von stark strömenden Flüssen aus den Bergregionen hierher transportiert. Mit irgendetwas (Eis, Asche und Lava bei Vulkanausbrüchen oder irgendwelche Erdrutsche?) wurden diese riesigen Baumstämme dann zugedeckt. Nun konnten sich die Baumstämme verwandeln, von Holz zu Stein. Schlussendlich wurden die Stämme durch Wind und Regen wieder freigesetzt. 
Die versteinerten Stämme liegen kreuz und quer im Gelände. Einige Stämme ragen aus den Felsen heraus, so als ob sie uns vom Fenster aus zuwinken würden. Das sieht wirklich bizarr aus! An einigen Orten liegen die Stämme in Holzspänen, die ebenfalls aus Stein sind. Das Sehende passt nicht mit dem Hörenden zusammen, denn wir spüren nicht unsere federnden Schritte als wir auf den Spänen laufen, sondern hören das Knirschen von zusammenreibenden Steinen. 

 
So kann man sich täuschen! Nicht Holz- sondern Steinspäne

Wir sind die einzigen Besucher hier und wir kommen uns vor, wie Aussätzige oder Verbannte. Die Landschaft ist einsam, trocken und staubig, der Wind bläst so stark, dass uns die Sandkörner bis zu den Oberschenkeln raufpeitschen und uns pieksen. Aua. Das Herumschlendern ist auch nicht einfach, denn die sturmartigen Böen schaffen es, dass unsere Beine zur Seite wegstolpern. Zurück im Auto verarbeiten wir das Gesehene im Gespräch, mit feinem argentinischen Rotwein und der Massage unserer sandgestrahlten Beine. So eine Reise in die Vergangenheit fordert seinen Tribut! 

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