| zurück |
Zurück aus der erlebnisreichen
Vergangenheit sind wir
müde in die Gegenwart geflutscht um uns ernsthafte Gedanken über unsere
Reiseroute der Zukunft
zu machen. Doch eines ist klar, nach den stundenlangen Fahrten durch die
argentinische Pampa von der Ostküste bis
zu den Anden wollen wir in Esquel zuerst etwas ausruhen.
Hier feiern wir unsere Ankunft in der andienen Bergwelt mit einem
330-grämmigen Beefe de chorizo (Entrecôte), pro Person versteht sich. Doch
vorher lassen wir einen kühlen goldigschimmernden Torrontés unsere Kehlen hinunterrinnen, einen
weissen Traubensaft, der im Norden von Argentinien bestens gedeiht und in grossen
runden Fässern seine durchscheinende sonnige Farbe erhält. Die Feriensaison
in Argentinien ist bald zu Ende, doch in dieser Nacht wird es auf dem Camping voll.
Gegen Mitternacht, wir sind gerade dabei ins Land der Träume abzurutschen,
bekommen wir neue Nachbarn. Ich hab das Gefühl im Massenlager zu schlafen,
denn die Neuankömmlinge stellen ihr Zelt 10 cm neben uns auf.
Den nächsten Tag, es ist Freitag, der 22. Februar 2008, wollen wir nutzen, um uns um unser lockeres Radlager zu kümmern. Bei der Toyota-Garage,
die bei uns einen sauberen und seriösen Eindruck hinterlässt, haben wir einen Termin
für den nächsten Dienstag erhalten. Wir schlendern durch die Stadt und treffen Gertrud
und Reiner, die mit uns auf dem Frachtschiff nach Argentinien fuhren. Ihr Fahrzeug
steht auf dem Camping am anderen Ende der Stadt und wir stellen uns für ein
paar Ruhetage zu ihnen. Zusammen plaudern und lachen wir im Schatten der warmen
Sommertage, holen uns selbstgebackene Empanadas vom Bauernmarkt gleich um die
Ecke und degustieren an den lauen Abenden und unter dem Kreuz des Südens zusammen ein Schlückchen
Colon, Etchard oder San Felipe sin madera.
![]() |
||
| der Campingplatz-Tiger |
Von unserem Campingplatz erblicken wir
die Vorläufer der Berge, die zum Nationalpark Los Alerces gehören. Eines
Abends sehen wir gewaltige Rauchwolken hinter den Hügeln hochsteigen. Eine Stunde
später sind wir erstaunt, denn die Rauchsäule hat sich um das doppelte
vergrössert. Oberhalb der Baumgipfel flimmert und züngelt es dunkelrot und ich meine, die Hitze des Feuers unter
meinen Schuhen spüren zu können. Wir sind uns alle einig, dass dies eindeutig
kein Lagerfeuer oder Assadito mehr ist, sondern ein ausgewachsener Brand.
Am nächsten
Tag, nach einer Woche Esquel, wollen wir weiter in den Nationalpark Los Alerces,
doch wir kommen nicht weit. Bei der Touristeninformation in Trevelin wird uns
mitgeteilt, dass der Park auf weiteres geschlossen bleibt, da ein verheerender
Waldbrand wütet. 6 Tage später versuchen wir es nochmals und wir haben Glück,
der Nationalpark ist wieder offen.
![]() |
||
| argentinisches Seengebiet |
Kurz vor dem Parkeingang erblicken wir
schon die ersten Brandschäden. Rechts und links
des Weges haben grosse Baumaschinen Schneisen in das verkohlte Land gegraben,
wohl um den Brand zu stoppen. Ein ganzer Bergkamm,
der nur
noch aus schwarzen Baumstämme besteht, die wie Skelette starr und klapprig aus dem
Boden ragen, wurde komplett abgebrannt. Es stimmt mich traurig dise zerstörte Natur
zu blicken. Tausende von Käfern, Mäuse, Füchse, Hasen und sicher auch
Jungvögel sind den Flammen zum Opfer gefallen. Hundertjährige Bäume wurden
abgefackelt. Der Park ist für die uralten Alercen (patagonische Zypresse,
ähnelt der kalifornischen Sequoia), die einen Umfang von 4 Metern und eine
Höhe von 60 Metern erreichen können, bekannt. Abgesehen von diesem Bergkamm
sind keine Schäden im Park zu sehen.
Bei der Guardaparque bekommen wir die Information, dass irgend eine Person 5
kleine Feuern in schwer zugänglichem Gebiet entfacht hatte. Was geht in so
einem Gehirn vor? Wem will diese Person schaden und wieso? Hat dieser Mensch
kein Verantwortungsgefühl gegenüber der Natur? Ich mache mir so meine Gedanken
und kann die Tat aber nicht verstehen. Die ersten beiden Tage
hatten die Guardaparque das Feuer noch mehr oder weniger im Auge, doch als am 3
Brandtag ein heftiger Wind einsetzte, hatten sie keine Chance mehr, das Feuer
unter Kontrolle zu bekommen. Die Hilfe von Buenos Aires (80 Mann und 5 Helis)
kam wohl etwas zu spät. Es wurden 7000 HA unberührter, uralter Wald
verbrannt.
Durch dieses Unglück sind alle Wanderwege, deren Gehzeit länger als 1 Std. dauern, gesperrt, da alle Parkmitarbeiter bei den Aufräumarbeiten des Brandes helfen. Für uns ist dies nicht wichtig, da wir diese Wanderungen alle schon auf unserer letzten Reise abgelaufen sind. Wir verbringen 4 Tage im Park und unternehmen kleine Spaziergänge.
![]() |
||
| Gänse am Gletscherfluss Rio Manso (beim Tronador) |
Die wunderschönen Alercewälder lassen wir hinter uns und fahren von Cholila nach El Bolson. Die Landschaft wird hügelig und wir durchqueren ein fruchtbares Tal. 1901 bis 1905 lebten hier Robert Leroy Parker und Harry Longabaugh, bekannt als Butch Cassidy und Sundance Kid, berüchtigte amerikanische Bankräuber, die besonders, doch erfolglos, durch die Detektivagentur Pinkerton gesucht wurden. Zu dieser Zeit zog es Einwanderer aus der ganzen Welt nach Argentinien. Die argentinische Regierung wollte einige der Einwanderer in den nur spärlich bewohnten südlichen Territorien ansiedeln. In amerikanischen Zeitungen wurden deshalb entsprechende Berichte über die Chancen der Neusiedler in der Region abgedruckt. Ein Autor schwärmte: "Das Tal des Rio Negro zählt zu den schönsten und fruchtbarsten Gebiet der Republik" und der tiefe Süden sei "ein Land mit wilden Äpfeln und wilden Erdbeeren, mit Bergen und Tälern, mit schönen Landschaften, Weiden und vielen Bodenschätzen." Doch der grösste Anreiz für die Siedler war letztendlich, dass die Regierung ihnen das Land schenken wollte. Butch und Sandance hatten, nach allem was man hört, tatsächlich die Absicht, ihre kriminelle Lebensweise aufzugeben und sich in Cholila niederzulassen. Der Traum zerbrach Anfang 1905, als die beiden (zu Unrecht?) verdächtigt wurden, eine Bank in Rio Gallegos ausgeraubt zu haben. Sie fliehen und wenige Monate später unternahmen sie ihren letzten Bankraub in Villa Merced bei Mendoza. Ende 1908 wanderten die beiden nach Chile und Bolivien aus und arbeiteten ein paar Jahre in Bergwerken. Wahrscheinlich konnten sie der Gelegenheit nicht widerstehen und sie raubten das Lohnbüro eines anderen Bergwerkes aus und kamen bei der Schiesserei mit einer bolivianischen Militärpatrouille ums Leben.
![]() |
||
| in der Gegend von Butch's und Sundances Land |
In El Bolson verweilen wir ein paar Tage, spazieren entlang dem Hippi-Markt, essen Schnitzel und Pizza und erfreuen uns an häuslichen Arbeiten, bevor wir weiter nach Bariloche fahren.
![]() |
||
| Hotel Llao-Llao bei Bariloche |
Uns gefällt die Stadt Bariloche, sowie natürlich auch die bergige Umgebung, die im Sommer zum wandern und im Winter zum Skifahren einlädt. Natürlich ist es hier sehr touristisch, doch wir geniessen einen Bummel durch die kleinen Einkaufsstrassen, stöbern durch Bücherläden, durchqueren Souvenierkioske, durchwühlen Bergsportgeschäfte und verwöhnen uns mit Lachs-Brioche, oder noch besser mit Kirsch-Schöggeli. Wir finden ausserhalb der Stadt ein gutes Plätzchen zum stehen und treffen per Zufall wieder Erika und Claude. Zusammen unternehmen wir einen Ausflug zum Monte Tronador, meinem Lieblingsberg. Hier stehen wir am Gletscherfluss Rio Manso, faulenzen, unternehmen Spaziergänge, entzünden Lagerfeuer und freuen uns ab der Gesellschaft von Erika und Claude und San Felipe. Immer wieder donnert es, nicht vom Himmel, denn wir haben seit Wochen strahlendes Sommerwetter, sondern vom Monte Tronador. Über dem Berg liegt eine immerwährende Eiskappe, die sich fortlaufend talwärts schiebt. Das Eis, das in 8 verschiede Gletscher mündet, bricht über einigen Kannten ab und stürzt dann mit lautem Getöse hundert Meter in die Tiefe. Am letzten Tag sind wir morgens vollkommen überrascht als uns Regentropfen, die ein zartes, unregelmässiges Klopfen über unseren Köpfen erklingen lassen, wecken. Wir bleiben länger liegen und haben so ein guten Grund, einen Lesetag einzulegen.
![]() |
||
| Wasserfälle vom Castaño-Overo-Gletscher |
Für 3 Tage fahren wir wieder nach
Bariloche. Wir füllen unsere Lebensmittelvorräte auf und können unseren Akku im
DHL-Büro in Empfang nehmen, worauf wir vor lauter Freude, da wir
die Ankunft mit einer kühlen Flasche Sekt feiern, einen Kater erwischen. Unser Notebook
reagiert aber eher bockig und täuscht Anpassungsschwierigkeiten mit dem Akku
vor. Wir
lassen uns noch nicht beirren und fahren wieder etwas südwärts zum Lago
Steffen.
Ostern steht vor der Türe und wir flüchten
von den Touristen-Massen, die Bariloche überschwemmen. Am Lago Steffen sind wir fast
alleine und verbringen 4 ruhige Tage. Seit wir in Esquel ankamen ist ein ruhiger
Monat mit viel lesen, spazieren und schlafen vergangen. Wir brauchten diese Zeit der Ruhe und des
Anpassens an
unsere neuen Lebensphasen. Doch nun spüren wir beide, wie wir gespannt sind auf Neues
und vor allem auf den Norden von Argentinien. Doch bis dahin sind noch einige
Kilometer zu fahren.
![]() |
||
| Rio Manso am Lago Steffen |
| zurück |