zurück

 

...die, in der wir nicht 7 Jahre in Tibet sind sondern nur kurz, da wir von der Windhose flüchten müssen!  (Folge 106)

Wir verlassen Mendoza Richtung Westen, überqueren einen Pass und können auf dessen Höhe (3000 m.ü.M.) den Aconcagua, mit seinen 6'959 Meter der höchste Berg Südamerikas, erblicken, fahren auf der anderen Bergseite ins Tal hinunter und kommen nach Tibet, oder fast. Hier wurden Teile des Films "7 Jahre in Tibet" abgedreht. Wir waren noch nie in Tibet, doch die Vorstellung, die wir von Tibet haben und die Bilder, die wir von dort schon gesehen haben, ähneln dieser Landschaft hier sehr. Wir kommen wieder etwas tiefer und wollen vor Uspallata zwischen den Hügeln übernachten. Schon um 15.00 Uhr haben wir ein nettes Plätzchen gefunden und richten uns ein. Doch es sollte nicht sein, den plötzlich, wir hatten beide keine Zeit zu reagieren, erfasste uns eine Windhose mit solcher Wucht, dass wir vollkommen eingesandet werden. Es dauerte vielleicht 5 oder 10 Sekunden und bis wir reagieren konnten, das heisst zum Beispiel die Fenster schliessen, war der Spuk schon lange vorbei. Wir standen da, mit Sand in den Augen und blinzelten uns verduzte an. Die Sitzpolster sind voller Sand und auf dem Boden fühlt es sich an, wie am Strand von Ko Phangang - nur das Meer fehlt. Im Moskitonetz haben sich kleinere Blättchen, Ästchen und Dreck verfangen, die die Windhose mit in die Höhe gewirbelt hat. Wir putzen notdürftig und entschliessen uns, auf den Camping in Uspallata zu wechseln, dort schützen mächtige Pappeln vor solch tückischen Windhosen. Nun steht uns auf dem Camping zuerst eine Putzrunde bevor und dann wird es auch schon Zeit für das Abendessen.  

 
Tibet, oder eben oder die zentralen Anden?

Am nächsten Tag, den 7. April 2008, fahren wir zum Nationalpark El Leoncito. Auf der Strecke kommen uns Carol und Franck (VD) entgegen, die wir von Erzählungen unserer Freunde kennen. Doch der Wind bläst so stark und wirbelt ständig Sand auf, dass unser Treffen, welches wir in unserer fünften Landessprache Englisch halten, eher kurz ausfällt. Wir fahren 100 km gegen Norden, kein Haus oder Mensch weit und breit und als dann der Abzweiger zum Nationalpark El Leoncito kommt, bin ich überrascht, dass es doch noch Menschen gibt. Wir fahren 10 km Richtung Osten. Zuerst durch eine Ebene, dann plötzlich in Kurven zwischen Hügeln hindurch. Pappeln säumen nun unseren Weg und wir durchfahren ein Tal das golden glitzert und es riecht wie in einem Herbstwald in der Schweiz. 

Hier ist eine der verlassensten Gegenden auf der Welt, wo die Sterne hell am dunklen Himmelsdach glitzern und blinken. Kein Wunder haben hier 2 Observatorien ihren Standort ausgesucht. Wir besichtige das kleinere Sternguckerzentrum, das der Universität Yale in den Staaten gehört. Natürlich sind wir beide alleine und der Mitarbeiter des Observatoriums zeigt uns die Halle mit dem enormen, elektronisch gesteuerten Objektiv. Die Erklärungen sind auf Spanisch und wir verstehen leider nur die Hälfte. Es ist schon sehr anstrengend, auf die Sprache zu achten (und mein Synchronübersetzer im Hirn hat nicht immer aufgepasst!) und dazu sich die Ausdrücke, die uns in der Deutschen Sprache auch nicht geläufig sind, zu merken. Trotzdem ist es sehr spannend.   

 
Sterngucker...

Wir lassen San Juan hinter uns. Am Rande der Stadt befinden sich noch Weinfelder, doch schon bald wird es trocken. Unsere Räder rollen leise über den Asphalt und meine Gedanken schweifen ab in die Vergangenheit. Maria Antonia Deolinda Correa hat ihre grosse Liebe gefunden, und dass in schwierigen Zeiten von 1840, in denen Bürgerkrieg und Armut herrscht. Die Armut macht ihr nichts aus, denn der Umstand, dass sie geheiratet hat und ein Kind im Leibe trägt, füllt sie voll aus und gibt ihr Mut. Das kleine Feld, welches sie mit ihrem Mann bebaut und das auf fruchtbarem Land steht, reicht ihnen zum Leben. Die paar Ziegen, die sie haben, bereichern ihre Tafel mit Milch und Fleisch. Doch dann wird alles anders. Eine Dürreperiode lassen keine Früchte auf ihrem Felde wachsen und Marias Mann wird von den Truppen Caudillos Facundo Quiroga gefangen genommen. Er fügt sich in sein Schicksal und denkt, dass die magere Ernte wenigstens seine Frau und sein Kind ernährt. Er wird schon zu recht kommen. Doch der Truppe mangelt es an Lebensmittel und  Fernando wird krank. Maria hat in der Zwischenzeit einen Jungen auf die Welt gebracht. Doch sie ist traurig ohne ihren Mann. Sie hat nur noch wenige Esswaren zu Hause und hält den Schmerz der Trennung fast nicht aus. Nur das Lächeln ihres Jungen hält sie am Leben. Die Entscheidung, den Truppen, die ihren Mann gefangen genommen haben zu folgen kommt von Herzen, sie muss es einfach tun und sie spürt, dass es Fernando nicht gut geht. So packt sie ihre wenigen Lebensmittel in ein Bündel, trägt ihren Sohn mit einem Tuch an ihren Körper gebunden und läuft los. Sie kennt den Weg nicht, verläuft sich immer wieder. Zwischendurch findet sie wieder Spuren, die die Truppen von Caudillos Facundo Quiroga hinterlassen haben. Der Weg ist beschwerlich, nur Wüste, kein Wasser und ihre Lebensmittel sind nach vier Tagen aufgebraucht. Sie hält es noch zwei weitere Tage aus, doch dann kann sie nicht mehr weiter. Sie ist mitten in der weiten Wüste, alleine, die nächste Siedlung ist noch viele Kilometer entfernt, und auch von der Truppe ihres Fernandos ist weit und breit nichts zu sehen. Sie bettet ihren Sohn ein letztes Mal an ihre Brust und lächelt ihn an. Sie spürt, dass sie ihrem Fernando sehr nahe ist und nimmt als letztes wahr, wie sie die Engelsflügel an der Wange streicheln.       

Tage später findet eine Wandergruppe die tote Maria. Die Leute bekreuzigen sich und wollen schon weitergehen, als sie das Wimmern des Babies hören. Es liegt immer noch an der Brust seiner Mutter und lächelt die Wanderer an. Hier, an diesem Ort wo Maria Antonia Deolinda Correa entschlafen ist, wurde die Wallfahrtsstätte "Difunta Correa" gegründet.

 
Opfergaben

Heute, 168 Jahre nach dem Tod von Maria Antonia Deolinda Correa ist der Wallfahrtsort unter anderem auch eine Touristenattraktion. Der Hügel mit der Kapelle ist kaum zu erkennen, denn Bretterbuden, die allerlei Souveniers verkaufen, verdecken die Sicht. Wir steigen die Treppen unter einem Schatten spendenden Eisengestell hinauf, welches mit Tausenden von alten Autonummern behängt ist. Oben angekommen, können sich meine Augen kaum satt sehen. Neben den vielen Autonummern, die im Wind klappern und tscheppern, stehen viele kleine Holzhäuschen herum, oder sonstige Opfergaben von Besuchern. In der Mitte ragt ein grosser dunkler Stein hervor, der von einer Steinmauer umrandet ist. In diesem Graben raucht und qualmt es. Viele Kerzenständer, klein, grobe, solche aus Metall oder aus Glas, solche, in der noch eine brennende Kerze steckt oder nur noch einen erloschenen Docht enthalten, stehen herum. Doch die  meisten dieser Kerzenständer sind unter einer dichten Wachsschicht begraben. 

Ich wandere weiter, einer Wand entlang die voller Täfelchen bespickt ist. Täfelchen mit Dankessagungen an die Difunta Correa oder mit Bitten. Diese Täfelchen befinden sich auch an den Aussenmauern der verschiedenen Kapellen, alles voll . Wir steigen ein paar Stufen der Treppen wieder hinunter, doch in der Mitte, wir sind ganz alleine, kommt der Wind auf und lässt die vielen Autoschilder schwingen und mich durchfährt ein Schauer. Der Wind flüstert mir eine wundervolle Geschichten ins Ohr, ein mystischer Moment.

 
Danksagungen in Form von Metall-Täfelchen

Wir besichtigen die vielen Kappelen, die voller Geschenke an die Difunta Correa sind. Eine Kapelle besteht nur aus Hochzeitskleider, eine aus Sportpokalen, eine aus Uniformen, es hat solche mit Autozubehör oder mit vielen alten Familienfotos. In einem Haus sind die wertvollen Gaben, ein altes Auto, alte Waffen, sehr alte Kleider, ein ausgestopfter Hund und vieles, vieles mehr. 

 
sogar ein Auto wurde gespendet

Trotz des touristischen Bekanntheitsgrades, der dieser Wallfahrtort heute besitzt (an Ostern sollen hier Hunderttausende von Leuten anreisen), hat er für mich eine andächtige Stimmung beibehalten und mir gefällt der Gedanke, einer einfachen Frau für ihre Heldentat zu Danken. Im ganzen Land findet man entlang der Strasse Schreine, mit vielen Wasserflaschen als Gabe zu Gedenkan an die Difunta Correa. Trotzdem sollten wir vielleicht auch an die Gegenwart und unseren Mitmenschen denken.   

 
Gedenkstätte irgendwo in Südargentinien

Voller Spiritualität fahren wir weiter in die Sierras Quijadas. Die roten Sandsteinschluchten leuchten voller Kraft und mich wundert's nicht, dass vor 120 Millionen Jahren Dinosaurier hier durch wanderten. Auch heute würden diese riesigen Tiere noch perfekt in diese surreale Landschaft passen.  Als wir den Mara (Pampahasen) erblicken, denken wir, der stammt wohl auch nicht aus dieser Zeit. Die Maras gehören nicht zu den Hasen sondern zur selben Familie wie die Meerschweinchen. Die Gliedmassen, insbesondere die Hinterläufe, sind sehr lang und kräftig. Mit ihnen können sie hohe Geschwindigkeiten bis zu 80 km/h erreichen und über 2 m weit springen. Die Vorderfüsse tragen vier starke Krallen, mit denen die Maras tiefe Bauten in den harten Boden graben. Es kann vorkommen, dass bis zu 20 Paare gemeinsam einen Bau benutzen, um ihre Jungen aufzuziehen. (Quelle: Natur Reiseführe Kosmos)

      
Dinosauriergebiet

Unsere Weiterfahrt führt uns über die Sierra de Cordoba. Es ist heiss und wir wollen in einer Höhe von etwa 2'000 m übernachten, wo es schön kühl ist. Wir finden auch eine kleine Strasse, die von der Hauptstrasse abbiegt. Die schmale Teerstrasse führt uns wieder etwas talwärts und wir haben einen tollen Blick in die Provinz San Juan, von der wir kommen. Wir erblicken einige geeignete Übernachtungsplätze, doch Erich will noch um die nächste Kurve, und noch und die nächste, und nur noch rasch gucken was nach der nächsten Kurven kommt.... Doch dann entscheiden wir uns zur Umkehr, und schon passiert's!! Wir bleiben beim Rückwärtsfahren im nassen Untergrund, der nach unserer Meinung gar nicht so nass ausgesehen hat, stecken. Erich reagiert wie der Blitz, schnell läuft er zu den beiden Vorderräder, dreht die Freilaufnabe um, kommt wieder ins Auto, legt den 4x4 ein und schwubs, schon sind wir wieder auf der sicheren Teerstrasse. Huch, das war wieder eine Aktion. Ich bin froh, hat Erich den Carro so gut im Griff. Ich hätte wohl zuerst mal ein paar Fotos geschossen und wäre dann etwas hin und her gefahren, dass wir so richtig tief im Schlamm gesessen wären und hätte mich dann wohl mal am Kopf gekratzt. 
Endlich bei unserem Übernachtungsplatz angekommen, erfrischen wir uns zuerst, denn der Tag war heiss und die Schlamm-Aktion hat auch ein paar Schweisstropfen hinterlassen. Ich fange an das Gemüse zu rüsten und dann hören wir es gemeinsam. Ein jaulen??? He??? Wir kommen beide auf den gleichen Gedanken, ha, wenn es kein Hund ist, können es nur Yvonne und Thomas sein (haha). Das Jaulen nimmt kein Ende und so spähen wir aus unserem Dachzeltfenster und staunen nicht schlecht, als wir tatsächlich Yvonne und Thomas winkend etwas weiter oben stehen sehen. Und wieder verbringen wir einen sehr gemütlichen Abend zusammen, da es kühler wird, bei und im Auto.

      
Thomas bei der Arbeit

Wir fahren zusammen über die Sierras de Cordoba und beobachten an einer Felswand junge Kondore, die wild hin und her fliegen. Bei einem Informationsstand mit Restaurant holt uns die Serviertochter auf die Terrasse. Wir sind gespannt, als sie ein grosses rohes Fleischstück, dass sie auf einen langen Stab gesteckt hat, in die Höhe hält. Ein Adler sitzt auf einem Felsen in der Ferne, breitet seine Flügel aus und stösst sich ab. Er schwebt auf uns zu, wir können den Wind durch seine Flügel surren hören, dann streckt er seine kräftigen gelben Krallen aus, packt seine Beute und fliegt, ohne mit der Wimper zu zucken oder uns anzusehen, weiter. Wow... 

Wir fahren weiter und treffen Yvonne und Thomas am Abend beim La Florida, wo wir ein feines Steak grillen. Es wird regnerisch und kalt, und so kochen wir am nächsten Tag zusammen Gulasch. Yvonne und Thomas fahren weiter und wir bleiben noch, denn wir haben noch vieles hier in Villa General Belgrano zu erledigen. Doch dazu mehr in der nächsten Folge.

 

zurück