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In Villa General Belgrano haben wir
mächtig viel zu tun. Ihr wisst schon, Wäsche waschen, Kaffe trinken, putzen,
Berichte schreiben, zwischendurch etwas Ordnung in das Chaos bringen usw. In uns keimt der Wunsch,
wieder mal etwas von einer Grossstadt zu sehen und so beschliessen wir, ein
Ticket für den Nachtbus nach Buenos Aires zu kaufen und reservieren uns ein
Zimmer in einem Hostel.
Am 21. April geht es los. Mit unseren Rucksäcken und einem eigenartigen doch
jugendlichem Gefühl stehen wir am Busbahnhof parat. Der Bus
fährt pünktlich um 19.45 h ab und wir machen es uns in den grossen Ledersessel
bequem. Zuerst bekommen wir einen Film gezeigt, den ich aber durch meine
geschlossenen Augen nur halb mitbekomme.
Kurz vor Mitternacht erhalten wir noch ein Abendessen und dann versuchen wir
beide zu schlafen. Es gelingt uns nicht so gut, trotzdem sind wir überrascht,
als schon 6.00 Uhr ist und uns der Steward mit einem feinen heissen und überaus
süssen Kaffe weckt. Das Frühstück besteht aus süss und salzigen Keksen und
einem Madlenerli. Wir sind beide erstaunt, als wir mit nur 3 Minuten Verspätung
am Busbahnhof in Buenos Aires ankommen. Hier wimmelt es nur so von Bussen und
umherhuschenden Leuten und
wir steigen schnell in ein Taxi, das uns zu unserem Hostel bringt. Eigentlich
hätten wir gerne noch ein bisschen geschlafen, doch das Zimmer können
wir erst nach 12.00 h beziehen und so tauchen wir in die Grossstadt ein. Wir
taumeln den ganzen Morgen von einem Kaffe ins nächste und können uns ab dem
geschäftigen Treiben nicht satt sehen. Trotzdem, gegen 13.00 h ist unsere
Batterie leer und wir unternehmen eine ausgiebige Siesta in unserem Zimmer.
Frisch aufgeladen sind wir ein paar Stunden später wieder bereit. Wir besuchen zuerst ein
Schoppingzenter und die bequemen rot gepolsterten Sessel eines Kinos verlocken
ungemein. Obwohl der Film nicht gerade der Knaller ist, haben wir den Kinobesuch
sehr genossen. Abends streifen wir durch die Strassen und sehen den
Tangotänzern zu.
Die Tage vergehen wie im Flug. Unser Hostel liegt mitten im Zentrum und so können wir die meisten Sehenswürdigkeiten zu Fuss besichtigten. Zwischendurch benutzen wir aber auch die Subte. Am fünften Tag treffen Yvonne und Thomas in Buenos Aires ein und wir verbringen eine wunderbare gemeinsame Zeit.
Subte
Die Fahrt mit der Subte, die 1913 eröffnet wurde und somit die ältesten
Untergrundbahn in Südamerika ist, ist ein Erlebnis. Ich habe immer noch das Bild
(welches allerdings auch schon 15 Jahre alt ist und an manchen Stellen
abblättert) der
U-Bahn von Singapore im Kopf, sauber, hochmodern, klimatisiert und alles
chromstahlglänzend. Nachdem wir zwei Schritte die Treppe hinunter steigen, die uns in die
Subte führt, zerbröckelt mein Bild vollends, denn hier ist alles alt, stickig,
warm
und doch eher schmuddelig. Den Gang, den wir entlanggehen,
hat schon ein sehr antikes Aussehen. Die Auslagen in den Schaufenstern, durch die
man vor lauter Schmutz fast nichts mehr sieht, sind mager, uralt und die
Beschriftungen vergilbt. In einem Fenster sehen wir Dosenöffner, verschiedene
Modelle, die anno dazumal wohl der letzte Schrei für eine Hausfrau waren. Wir lösen ein Ticket am Schalter und
kommen locker durch das Drehkreuz, wohl die modernste Einrichtung hier unten. Es
dauert nicht lange und der alte Zug kommt angerattert, wir steigen ein und da wir
nicht in der Rushhour unterwegs sind, können wir sitzen. Kaum fährt der Zug
an, geht das Spektakel los. Ein Mann fängt laut an zu reden, hält ein
Nagelklipp in den Händen und rühmt dessen Eigenschaften. Da jedoch viele
Fenster offen sind, kann man ihn fast nicht verstehen, trotzdem lässt er sich
nicht unterkriegen und erklärt voller Begeisterung, was sein Superknipser alles
kann. Sobald der Zug hält, packt der Verkäufer seine Tasche, ohne leider einen
Knipser verkauft zu haben und wechselt in den nächsten Waggon. Es dauert nicht
lange und schon kommt eine Trommelband mit 4 älteren Männern. Sie trommeln und
singen was das Zeug hält und beim wechseln in den nächsten Wagen lassen sie
ihren Hut durch die Passagiere gehen.
Kleingeld
Was mich hier in Argentinien so fasziniert ist, dass, egal in welchem
Geschäft man ist, Kleingeldmangel an Münzen herrscht. Es geht sogar so weit, dass beim
Supermarkt die Frau an der Kasse, bei einem hingestreckten 100 Peso-Schein, bei einer Rechnung
von 81.75, meint, ob ich nicht noch 2 Peso hätte, wenn nicht vielleicht 5 Peso?
2 Peso hab ich nicht, dafür 5. Doch bei 5 Peso muss sie mir dann wieder 2 Peso
geben, die sie nicht hat. Dann rennt sie zum Supermarktchef und er gibt ihr dann
das passende Rückgeld. Dieses Spielchen läuft überall, ausser in Buenos Aires. Hier scheine
genügend Kleingeld vorhanden zu sein.
Ricoleta
Am 23. April besuchen wir den Friedhof Ricoleta. Für mich ein spezieller Tag,
und der Friedhof gibt mir eine gewisse Ruhe und spendet mir Frieden. Um
1820 wurden die "Recoletos" Mönche vertrieben und ihr fast 6 HA
grosser Gemüsegarten wurde als Friedhof umgewandelt. Heute ruhen hier nationale
Helden, Freiheitskämpfer, Präsidenten, Schriftsteller, Künstler usw. Die
haushohen, zum Teil mit Säulen oder Engeln verzierten Mausoleen aus Marmor,
Sandstein oder Granit geben der Ruhestätte ein Flair von einer alten
Ausgrabungsstätte.
Café Tortoni
1858 gründete ein französischer Immigrant das erste Café in Buenos Aires, das
Café Tortoni. In den Anfängen des 19. Jhs wurde dieses Café ein Ort
der Zusammenkunft für Intellektuelle, Politiker und Redner. Heute ist der Ort
eine Touristenattraktion. In diesen hohen Hallen des Cafés, wo so
viele bekannte Personen schon gesessen sind, setzen auch wir uns hin und
schlürfen einen Café con
leche, und da es so fein war, nippen wir am nächsten Nachmittag an einem Cüppli.
Kino
Wieder mal Zeit für einen Kinobesuch. Die US-Filme werden im Originaltitel mit
spanischem Untertitel gezeigt, zum Glück. Obwohl wir doch schon ein paar Sätze
auf Spanisch können, steh ich beim Kassenhäuschen vom Kino wie ein begossener
Pudel da. Mit meinem schönsten Spanisch möchte ich zwei Tickets für den Film
"los reyes de las calles" (ausgeschprochen: los reies de las kaies)
bestellen. Doch der Typ im Häusschen meint nur: "como?" So meine ich
halt: "el ultimo", denn der Film läuft heute an und der Typ meint:
"ah, los reesches de las caasches." Hab ich doch gesagt! Der Film ist
nicht sehr hochstehend, und der amerikanische Slang hat nicht viel mit englisch
zu tun. Was wir problemlos verstanden haben war "ehh ioo men". Der
zweite Film den wir uns zu Gemüte geführt haben, hatte den Titel "Jumper". Da der
Eifelturm und die Pyramiden auf dem Plakat herausstachen, dachte ich, der Film wäre
etwas multikulti. Er war unterhaltsam, und die englischen Schauspieler (darunter
der, der Billi Eliot spielte) waren super anzuhören, doch das war's auch schon. Trotzdem, wieder mal im Kino
zu sein gibt uns das Gefühl, dazu zu gehören.
Obelisco
Der Obelisk steht zwischen den Strassen Corrientes und 9 de Julio, die breiteste
Strasse der Welt, wie die Porteños meinen, und ragt über
die ganze Stadt. Der mächtige Stein wurde 1936 eingeweiht und ist ein
populärer Platz für politische Demonstrationen und sportliche Anlässe. Zu
Beginn hatten die Porteños keine Freude am Obelisken, doch heute ist er ein
architektonisches Symbol der Hauptstadt.
Plaza de Mayo
Die Stelle der Plaza de Mayo wurde 1580 ausgesucht und 1810 war dies der Ort der
Revolución de
Mayo, einen politischen Meilenstein der argentinischen Unabhängigkeit. Hier steht das Casa Rosada, das
Regierungsgebäude, welches 1810 gebaut wurde. Präsident Sarmiento beschloss,
das Gebäude rosa anzumalen. Auch das Cabildo steht hier, welches im 18. Jh
gebaut wurde. Hier wurden die ersten politischen Interessen verhandelt. Heute
fungiert es als Museum.
Während
der Militärdiktatur in 1977 war dies der Platz, wo die Mütter sich trafen und
ihre vermissten Kinder, die vom Militär verschleppt wurden, zurückzufordern.
Auch heute noch treffen sich die Madres de la Plaza de Mayo jeweils Donnerstags.
San Telmo
Immer Sonntags findet hier ein wunderbarer antiker Markt statt. Das ist aber
nicht alles; hier finden sich auch Tangotänzer, Selbstdarsteller, Musiker und
andere Künstler ein, um das Publikum zu unterhalten. Auf der Plaza Dorrego stehen
viele Stände, die wunderschönes Silberbesteck, alte Briefmarken oder Münzen,
altes Geschirr, alte Sodaflaschen, Bücher oder Zeitungen, die über den zweiten
Weltkrieg berichten,
verkaufen. Das bunte Treiben ist sehenswert, ob man nun durch die Stände
schlendert oder in einem Kaffe an der Plaza sitzt und mit einem Cafe cortado in
der Hand, zusieht. Früher wohnten hier die Reichen von Buenos Aires. Doch als
eine Gelbfieberepidemie Ende des 19. Jh ausbrach, zogen die Reichen nach
Ricoleta. Heute zieren noch alte Kopfsteinpflasterungen die Strassen und
niedrige Kolonialhäuser verschönern den Anblick.
Puerto Madera
Mitte des 19. Jhs, als der internationale Handel in Argentinien in die Gänge
kam, suchte die Stadt einen geeigneten Ort für den Hafen und die Wahl fiel auf
Puerto Madera. 1898 war alles fertig mit dem Ergebnis, dass das Budget des
Hafenbaus weit überschritten wurde. Zwölf Jahre später war das Frachtaufkommen schon
so hoch, dass ein neuer Hafen gesucht werden musste.
1926 wurde der Puerto Nuevo von Retiro fertiggestellt. Heute ist der Puerto
Madera ein Ort der Erholung, wo Einheimische und Touristen an den 4 Docks entlang
schlendern und in eines der nette Restaurants
oder Bars hüpfen, um vor
dem Essen eine Sundowner mit netter Atmosphäre zu geniessen. In einem der
Docks liegen zwei alte Segelboote von 1872 und 1898, die besichtigt werden
können und an der Ostseite der
Docks steht immer noch eine Mühle, die 1891 gebaut wurde und die bis 1956 Mehl produzierte.
Für uns war die Woche in Buenos Aires eine nette Abwechslung. Kein Küchendienst, nichts muss weggeräumt werden, keine Fahrerei, ausser mit der Subte, den ganzen Tag auf den Beinen und jede Minute gab es etwas Neues zu entdecken. Auch kulinarisch konnten wir uns verwöhnen lassen. Riesige Steaks, Kaffe mit Tostados, chinesische Gerichte, kleine Häppchen oder wieder mal MC Donald schmeichelten unseren Gaumen. Wir verabschieden uns von Yvonne und Thomas und steigen in den Bus zurück nach Villa General Belgrano . Wir schlafen beide fast 8 Std. durch und kommen frisch und erholt im La Florida an. Der Ausflug in die Grossstadt war super, trotzdem freuen wir uns wieder auf unser kleines Heim auf 4 Rädern.
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