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...die, in der wir in die Hauptstadt reisen  (Folge 107)

In Villa General Belgrano haben wir mächtig viel zu tun. Ihr wisst schon, Wäsche waschen, Kaffe trinken, putzen, Berichte schreiben, zwischendurch etwas Ordnung in das Chaos bringen usw. In uns keimt der Wunsch, wieder mal etwas von einer Grossstadt zu sehen und so beschliessen wir, ein Ticket für den Nachtbus nach Buenos Aires zu kaufen und reservieren uns ein Zimmer in einem Hostel.

Am 21. April geht es los. Mit unseren Rucksäcken und einem eigenartigen doch jugendlichem Gefühl stehen wir am Busbahnhof parat. Der Bus fährt pünktlich um 19.45 h ab und wir machen es uns in den grossen Ledersessel bequem. Zuerst bekommen wir einen Film gezeigt, den ich aber durch meine geschlossenen Augen nur halb mitbekomme. Kurz vor Mitternacht erhalten wir noch ein Abendessen und dann versuchen wir beide zu schlafen. Es gelingt uns nicht so gut, trotzdem sind wir überrascht, als schon 6.00 Uhr ist und uns der Steward mit einem feinen heissen und überaus süssen Kaffe weckt. Das Frühstück besteht aus süss und salzigen Keksen und einem Madlenerli. Wir sind beide erstaunt, als wir mit nur 3 Minuten Verspätung am Busbahnhof in Buenos Aires ankommen. Hier wimmelt es nur so von Bussen und umherhuschenden Leuten und wir steigen schnell in ein Taxi, das uns zu unserem Hostel bringt. Eigentlich hätten wir gerne noch ein bisschen geschlafen, doch das Zimmer können wir erst nach 12.00 h beziehen und so tauchen wir in die Grossstadt ein. Wir taumeln den ganzen Morgen von einem Kaffe ins nächste und können uns ab dem geschäftigen Treiben nicht satt sehen. Trotzdem, gegen 13.00 h ist unsere Batterie leer und wir unternehmen eine ausgiebige Siesta in unserem Zimmer. Frisch aufgeladen sind wir ein paar Stunden später wieder bereit. Wir besuchen zuerst ein Schoppingzenter und die bequemen rot gepolsterten Sessel eines Kinos verlocken ungemein. Obwohl der Film nicht gerade der Knaller ist, haben wir den Kinobesuch sehr genossen. Abends streifen wir durch die Strassen und sehen den Tangotänzern zu.  

Die Tage vergehen wie im Flug. Unser Hostel liegt mitten im Zentrum und so können wir die meisten Sehenswürdigkeiten zu Fuss besichtigten. Zwischendurch benutzen wir aber auch die Subte. Am fünften Tag treffen Yvonne und Thomas in Buenos Aires ein und wir verbringen eine wunderbare gemeinsame Zeit.

Subte
Die Fahrt mit der Subte, die 1913 eröffnet wurde und somit die ältesten Untergrundbahn in Südamerika ist, ist ein Erlebnis. Ich habe immer noch das Bild (welches allerdings auch schon 15 Jahre alt ist und an manchen Stellen abblättert) der U-Bahn von Singapore im Kopf, sauber, hochmodern, klimatisiert und alles chromstahlglänzend. Nachdem wir zwei Schritte die Treppe hinunter steigen, die uns in die Subte führt, zerbröckelt mein Bild vollends, denn hier ist alles alt, stickig, warm und doch eher schmuddelig. Den Gang, den wir entlanggehen, hat schon ein sehr antikes Aussehen. Die Auslagen in den Schaufenstern, durch die man vor lauter Schmutz fast nichts mehr sieht, sind mager, uralt und die Beschriftungen vergilbt. In einem Fenster sehen wir Dosenöffner, verschiedene Modelle, die anno dazumal wohl der letzte Schrei für eine Hausfrau waren. Wir lösen ein Ticket am Schalter und kommen locker durch das Drehkreuz, wohl die modernste Einrichtung hier unten. Es dauert nicht lange und der alte Zug kommt angerattert, wir steigen ein und da wir nicht in der Rushhour unterwegs sind, können wir sitzen. Kaum fährt der Zug an, geht das Spektakel los. Ein Mann fängt laut an zu reden, hält ein Nagelklipp in den Händen und rühmt dessen Eigenschaften. Da jedoch viele Fenster offen sind, kann man ihn fast nicht verstehen, trotzdem lässt er sich nicht unterkriegen und erklärt voller Begeisterung, was sein Superknipser alles kann. Sobald der Zug hält, packt der Verkäufer seine Tasche, ohne leider einen Knipser verkauft zu haben und wechselt in den nächsten Waggon. Es dauert nicht lange und schon kommt eine Trommelband mit 4 älteren Männern. Sie trommeln und singen was das Zeug hält und beim wechseln in den nächsten Wagen lassen sie ihren Hut durch die Passagiere gehen. 

Kleingeld
Was mich hier in Argentinien so fasziniert ist, dass, egal in welchem Geschäft man ist, Kleingeldmangel an Münzen herrscht. Es geht sogar so weit, dass beim Supermarkt die Frau an der Kasse, bei einem hingestreckten 100 Peso-Schein, bei einer Rechnung von 81.75, meint, ob ich nicht noch 2 Peso hätte, wenn nicht vielleicht 5 Peso? 2 Peso hab ich nicht, dafür 5. Doch bei 5 Peso muss sie mir dann wieder 2 Peso geben, die sie nicht hat. Dann rennt sie zum Supermarktchef und er gibt ihr dann das passende Rückgeld. Dieses Spielchen läuft überall, ausser in Buenos Aires. Hier scheine genügend Kleingeld vorhanden zu sein.

Ricoleta
Am 23. April besuchen wir den Friedhof Ricoleta. Für mich ein spezieller Tag, und der Friedhof gibt mir eine gewisse Ruhe und spendet mir Frieden. Um 1820 wurden die "Recoletos" Mönche vertrieben und ihr fast 6 HA grosser Gemüsegarten wurde als Friedhof umgewandelt. Heute ruhen hier nationale Helden, Freiheitskämpfer, Präsidenten, Schriftsteller, Künstler usw. Die haushohen, zum Teil mit Säulen oder Engeln verzierten Mausoleen aus Marmor, Sandstein oder Granit geben der Ruhestätte ein Flair von einer alten Ausgrabungsstätte. 

Café Tortoni
1858 gründete ein französischer Immigrant das erste Café in Buenos Aires, das Café Tortoni. In den Anfängen des 19. Jhs wurde dieses Café ein Ort der Zusammenkunft für Intellektuelle, Politiker und Redner. Heute ist der Ort eine Touristenattraktion. In diesen hohen Hallen des Cafés, wo so viele bekannte Personen schon gesessen sind, setzen auch wir uns hin und schlürfen einen Café con leche, und da es so fein war, nippen wir am nächsten Nachmittag an einem Cüppli. 

Kino
Wieder mal Zeit für einen Kinobesuch. Die US-Filme werden im Originaltitel mit spanischem Untertitel gezeigt, zum Glück. Obwohl wir doch schon ein paar Sätze auf Spanisch können, steh ich beim Kassenhäuschen vom Kino wie ein begossener Pudel da. Mit meinem schönsten Spanisch möchte ich zwei Tickets für den Film "los reyes de las calles" (ausgeschprochen: los reies de las kaies) bestellen. Doch der Typ im Häusschen meint nur: "como?" So meine ich halt: "el ultimo", denn der Film läuft heute an und der Typ meint: "ah, los reesches de las caasches." Hab ich doch gesagt! Der Film ist nicht sehr hochstehend, und der amerikanische Slang hat nicht viel mit englisch zu tun. Was wir problemlos verstanden haben war "ehh ioo men". Der zweite Film den wir uns zu Gemüte geführt haben, hatte den Titel "Jumper". Da der Eifelturm und die Pyramiden auf dem Plakat herausstachen, dachte ich, der Film wäre etwas multikulti. Er war unterhaltsam, und die englischen Schauspieler (darunter der, der Billi Eliot spielte) waren super anzuhören, doch das war's auch schon. Trotzdem, wieder mal im Kino zu sein gibt uns das Gefühl, dazu zu gehören.  

Obelisco
Der Obelisk steht zwischen den Strassen Corrientes und 9 de Julio, die breiteste Strasse der Welt, wie die Porteños meinen, und ragt über die ganze Stadt. Der mächtige Stein wurde 1936 eingeweiht und ist ein populärer Platz für politische Demonstrationen und sportliche Anlässe. Zu Beginn hatten die Porteños keine Freude am Obelisken, doch heute ist er ein architektonisches Symbol der Hauptstadt.

Plaza de Mayo
Die Stelle der Plaza de Mayo wurde 1580 ausgesucht und 1810 war dies der Ort der Revolución de Mayo, einen politischen Meilenstein der argentinischen Unabhängigkeit. Hier steht das Casa Rosada, das Regierungsgebäude, welches 1810 gebaut wurde. Präsident Sarmiento beschloss, das Gebäude rosa anzumalen. Auch das Cabildo steht hier, welches im 18. Jh gebaut wurde. Hier wurden die ersten politischen Interessen verhandelt. Heute fungiert es als Museum. 
Während der Militärdiktatur in 1977 war dies der Platz, wo die Mütter sich trafen und ihre vermissten Kinder, die vom Militär verschleppt wurden, zurückzufordern. Auch heute noch treffen sich die Madres de la Plaza de Mayo jeweils Donnerstags.

San Telmo
Immer Sonntags findet hier ein wunderbarer antiker Markt statt. Das ist aber nicht alles; hier finden sich auch Tangotänzer, Selbstdarsteller, Musiker und andere Künstler ein, um das Publikum zu unterhalten. Auf der Plaza Dorrego stehen viele Stände, die wunderschönes Silberbesteck, alte Briefmarken oder Münzen, altes Geschirr, alte Sodaflaschen, Bücher oder Zeitungen, die über den zweiten Weltkrieg berichten, verkaufen. Das bunte Treiben ist sehenswert, ob man nun durch die Stände schlendert oder in einem Kaffe an der Plaza sitzt und mit einem Cafe cortado in der Hand, zusieht. Früher wohnten hier die Reichen von Buenos Aires. Doch als eine Gelbfieberepidemie Ende des 19. Jh ausbrach, zogen die Reichen nach Ricoleta. Heute zieren noch alte Kopfsteinpflasterungen die Strassen und niedrige Kolonialhäuser verschönern den Anblick.  

Puerto Madera
Mitte des 19. Jhs, als der internationale Handel in Argentinien in die Gänge kam, suchte die Stadt einen geeigneten Ort für den Hafen und die Wahl fiel auf Puerto Madera. 1898 war alles fertig mit dem Ergebnis, dass das Budget des Hafenbaus weit überschritten wurde. Zwölf Jahre später war das Frachtaufkommen schon so hoch, dass ein neuer Hafen gesucht werden musste. 1926 wurde der Puerto Nuevo von Retiro fertiggestellt. Heute ist der Puerto Madera ein Ort der Erholung, wo Einheimische und Touristen an den 4 Docks entlang schlendern und in eines der nette Restaurants oder Bars hüpfen, um vor dem Essen eine Sundowner mit netter Atmosphäre zu geniessen. In einem der Docks liegen zwei alte Segelboote von 1872 und 1898, die besichtigt werden können und an der Ostseite der Docks steht immer noch eine Mühle, die 1891 gebaut wurde und die bis 1956 Mehl produzierte. 

Für uns war die Woche in Buenos Aires eine nette Abwechslung. Kein Küchendienst, nichts muss weggeräumt werden, keine Fahrerei, ausser mit der Subte, den ganzen Tag auf den Beinen und jede Minute gab es etwas Neues zu entdecken. Auch kulinarisch konnten wir uns verwöhnen lassen. Riesige Steaks, Kaffe mit Tostados, chinesische Gerichte, kleine Häppchen oder wieder mal MC Donald schmeichelten unseren Gaumen. Wir verabschieden uns von Yvonne und Thomas und steigen in den Bus zurück nach Villa General Belgrano . Wir schlafen beide fast 8 Std. durch und kommen frisch und erholt im La Florida an. Der Ausflug in die Grossstadt war super, trotzdem freuen wir uns wieder auf unser kleines Heim auf 4 Rädern. 

 

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