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...die, in der der Alptraum auf der Strasse lauert  (Folge 108)

Um den 1. Mai zu entgehen, den die Argentiniern hier auf dem städtischen Camping in Cordoba mit sportlichen Aktivitäten feiern, die schon in der Morgendämmerung beginnen, fahren wir gemeinsam mit Erika und Claude in das nette Städtchen Jesus Maria. Hier verbringen wir 4 gemütliche Tage bei wunderschönem Herbstwetter und in angenehmer Ruhe. Wir feiern den Tag der Arbeit bei einem kühlen Weisswein und mit schweizer Fertig-Fondue, welches wir von meiner Freundin Nicole bekommen haben und schon 4 Monate durch Südamerika fahren. Wir finden in unserer Vorratskiste noch eine zweite Packung und zusammen rühren wir im sämigen, rezenten 1300 grämmigen Käse. 1.3 kg scheint unsere Portionsgrösse zu sein, denn am nächsten Grilltag wiegt unser Rumsteak, das wir wegen Platzmangel noch halbieren müssen, auch so viel. Locker putzen wir 4 das feine Fleisch weg. 

 
1.3 kg Bife de chorizo

In Jesus Maria bauten 1618 eingewanderte Jesuiten eine Estanzia mit Kirche. Soviel wir erfahren konnten, wurde hier hauptsächlich Landwirtschaft betrieben. Nachdem die Jesuiten ihr Geld an Piraten an der brasilianischen Küste verloren hatten (war wohl bei der Ankunft passiert, oder wie?), verkauften sie den hier gekelterten Wein um damit ihre Universität in Cordoba zu unterstützen. Heute sind die Gebäude leer, doch ist es ganz still, kann man die barfüssigen Jesuiten durch die Gänge huschen hören und spürt das kräuseln der Nase, wenn einem der Weihrauch in die Nase steigt. 

 
Klostergänge und Kirchenkuppel im Hintergrund

Wir verlassen Jesus Maria und schweben zuerst auf Asphalt dahin, bis 30 km später unsere Räder wieder mal auf Schotter rollen. Wir kommen in die Sierras de Cordoba, es wird hügelig, kurvig und einsam. Plötzlich, wie aus dem Nichts sehen wir zwei Kondore, die sich am blauen Himmel klar abzeichnen. Erich tritt auf die Bremse und wir schauen dem schwebenden Spektakel zu. Wir sind schon wieder im Auto und wollen weiterfahren, da die Kondore weit ins Tal hinuntergesegelt sind und wir sich nicht mehr ausmachen können, als ich ein paar Meter vor uns einen Adler erblicke. Sein weisser Bauch leuchtet in der Sonne und seine starken gelben Greiffer mit den scharfen Krallen können wir klar erkennen. Es sitzt auf dem Felsen wie ein König, schaut kurz zu uns herüber und dann mit einer ruckartigen Kopfbewegung wieder weg. Nun entdecke ich weiter im Tal noch mehrere Kondore. Einige sitzen auf grossen Steinen und einer stösst sich gerade ab, breitet seine mächtigen Flügel aus, schlägt zwei mal kräftig und schon schwebt er in der Luft. Die Thermik bringt in immer höher und auch die anderen Kondore erheben sich. Wir stehen leise beim Auto, gefangen von dieser Faszination der Tierwelt. Zum Abschluss dieses schönen Tages blicken wir noch zu einem Falken, der auf einem Pfosten am Strassenrand auf uns wartet.

Der nächste Tag verspricht eher langweilig zu werden, wir fahren 350 km auf asphaltierter, schnurgerader Strasse in den Norden. Keine Kurve bringt uns Abwechslung, dafür die Fauna. Entlang der Strasse führen Schienen, auf denen jedoch schon seit Jahren kein Zug mehr gefahren ist. Die Strommasten, die immer noch alle 50 Meter neben der Linie einher stehen, wurden von den Mönchssittichen zu Nestern umgebaut. Auf jedem Mast thront ein Nest aus dornigen Ästen und mit mehreren Löchern, sozusagen Türen und Fenster. Wir staunen, dass die Bauten nicht zusammenberechen, denn einige Nester ragen enorm in die Höhe, sodass vom Mast nicht mehr viel zu sehen ist. Die farbigen Sittiche flattern lärmend umher oder sitzen in Gruppen auf dem Draht, der zum Teil noch vom einen Masten zum anderen führt. Irgendwann stehen dann keine Masten mehr und meine Augen verlieren sich in der öden, trockenen Landschaft. Doch plötzlich wird alles anders und mein Adrenalin spritzt in die Höhe, fast aus Nase und Ohren. Wir sehen es beide gleichzeitig und denken zuerst, einen zerfetzten Pneu gesehen zu haben, doch das schimmern, dass wir beim vorbeiflitzen erhaschen, ist eindeutig das Glänzen einer Schlangenhaut. Ich rufe nur "stop - kehren", für ganze Sätze war keine Zeit. Wir fahren die 50 Meter zurück und ich erstarre. 

 
eine Halbmond-Lanzenotter?

Es ist tatsächlich eine Schlange und sie ist nicht tot, wie wir beide angenommen haben, denn wir können deutlich ihre Zunge aus dem Mund schnellen sehen. Erich macht eine Bewegung und ich fasse ihm beim Arm und sage: "nein, nicht aussteigen, die ist giftig!!!" Doch er greift nur zum Fernglas, denn auch er sieht, dass dieses Monstrum von einer Schlange nicht ungefährlich aussieht. Mit dem Fernglas kann er erkennen, dass die Pupillen der Schlange geschlitzt sind und dass die Schuppenteile zwischen Mundwinkel und Augen mehrere Reihen aufweisen, beides Indizien einer giftigen Schlange (oder, Salome?). Unser Exemplar misst sicher 1.8 Meter und hat locker den Durchmesser meines Oberarm. Würde ich Schlangen als schön bezeichnen, würde ich sagen, ihre schwarz-braunen Zeichnungen, die weiss umrandet sind, schimmern leuchtend auf dem dunklen Untergrund ihrer schönen Haut. Doch ich finde Schlangen schleimige, ekelige Ungeheuer und fürchte mich fürchterlich vor ihnen. Vor allem vor dieser, bei der es sich nach meiner Meinung um eine Halbmond -Lanzenotter handelt, oder einer Schwester davon, denn die Zeichnungen sind nicht vollkommen identisch mit der Schlange in unserem Bestimmungsbuch. Sie gehört wegen ihres hochwirksamen Giftes und ihrem aggressiven Wesen zu den gefährlichsten Schlangen Südamerikas. Wir beide sitzen sicher im Auto, parkiert auf dem Gras und die Schlange liegt züngelnd und ruhig auf der Strasse. Ich kann mich nicht bewegen, bin extrem fasziniert aber auch schockiert, weil mir vor diesem Vieh so ekelt. Wir sehen in unseren Rückspiegeln, dass ein riesiger Truck auf uns zukommt, oh je, und die Schlange liegt immer noch bewegungslos am Strassenrand. Hört sie das Summen nicht? Es heisst doch immer, diese Tiere können die Erschütterungen erkennen und fliehen dann. Oder gilt dies nur für Hufgetrappel und nicht bei einem schnell näher kommenden Brummen eines LKW? Der Truck donnert nur knapp an der Schlange vorbei und das Tier bewegt sich nun endlich. Doch wie grausig, sie schlängelt nicht wie erwartet davon sondern gleitet seitwärts auf die andere Strassenseite zu, ohne sich merklich zu bewegen. Mir läuft die Hühnerhaut rauf und runter. Sobald sie das Grass berührt, bewegt sie sich so, wie man es von einer Schlange erwartet - sie schlängelt, langsam und gemütlich - und genau auf zwei kleinen Büsche zu, solche, die ich mir immer zu einem "Bisi-Stop" aussuche. Iiiigitt.

 
husch, husch...

Zur Angstbekämpfung fand ich es gut, die Schlange aus nächster Nähe zu besichtigen, doch die Panik, die mich danach erfasste, zeigt, dass es vielleicht doch nicht so klug war. Vor allem auch deswegen, weil am Abend die Schlage vor meinem imaginären Auge schon 5 Meter lang war und so dick wie ein Krokodil. Abends, als wir unseren Übernachtungsplatz in der Wüste gefunden haben und es dunkel war, wagte ich mich nicht mehr aus dem Auto. Doch Erich ist sehr verständnisvoll, auch als er schon schlief und ich ihn kurz vor Mitternacht weckte, kam er mit mir hinaus, leuchtete für mich den ganzen Boden ab und dann konnte ich mich erleichtern. Wer hat denn gesagt, dass das Reiseleben einfach sei?   

Wochen später, meine Schlangenphobie hat mich immer noch eisern im Griff, forsche ich etwas in Internet herum. Ich erfahre einiges über die Lanzenotter, was mich aber nur noch mehr ängstigt als beruhigt. Ich habe aber auch von einer Insel gelesen, die im Atlantik vor Santos liegt. Die Insel ist 43 HA gross und ein Nationalpark, gleichzeitig aber auch Sperrgebiet. Weiträumig um die Insel herum darf nicht mehr gefischt werden und der Zutritt auf die Insel ist nur Forschern erlaubt. Auf der Insel leben keine Reptilien mehr, da die 2'000 - 6'000 (die Menge kann nicht genau bestimmt werden) giftigen Lanzenotter alles schon gebissen und verschlungen haben. Diese Viecher ernähren sich noch von Zugvögel, die 2 x im Jahr über die Insel fliegen und dort Halt machen. Die Schlange sind vorwiegend in den Bäumen und setzt sich ein Vogel auf einen Baum, lebt er noch ein paar Sekunden. Das Gift dieser Schlangen ist 5 x stärker wie das normale Lanzenottergift und da sie sich auf so kleinem Raum befinden, sind durch die Inzest noch zwei weitere Geschlechter entstanden. Der Leuchtturm wird heutzutage automatisch betrieben, da alle Leuchtturmwärter durch Schlangenbisse starben. Mein Kommentar: Iiiigitt.  

 
Fiambalas Thermen

Wir besuchen die Thermen von Fiambala , die in einer engen Schlucht gelegen sind. Da es aber für uns zu viele Badeleute hat, schiessen wir nur ein Foto und fahren weiter, Richtung Paso de San Francisco nach Chile, da unser 3-Monats-Visa für Argentinien abgelaufen ist.

 
Ojo de Salado Paso de San Francisco abwärts, auf Chile-Seite

Von Fiambala sind es 200 km bis zum Pass auf 4'748 m.ü.M. Die Grenzabfertigung kann etwas vorher, doch immer noch auf einer Höhe von 4'100 m.ü.M. getätigt werden. Wir übernachten 120 km vor dem Pass auf einer Höhe von 3'300 m. Am nächsten Morgen stehen wir früh auf, da wir die Grenzformalitäten vor der grossen Mittagspause erledigen wollen. Die Landschaft ist karg und die gelben Guanako-Büsche leuchten im Schein der Sonne. Auch sehen wir viele Vicuñas, die in weiter Ferne grasen. Nach den argentinischen Zollformalitäten fahren wir weitere, über 100 km bis zum chilenischen Zoll. Wir lassen den Ojo de Salado, den höchsten Vulkan der Welt, links liegen und schleichen weiter. Unser Auto verliert merklich Power hier oben und raucht in allen Farben. Wir spüren die dünne Luft, in dem wir wie wild Atem holen, doch immer das Gefühl haben, es ist zu wenig und der Druck im Kopf nimmt ständig zu. Die Chilenen begrüssen uns freundlich in ihrem Land und wir fahren weiter, immer noch über 4'000 m Höhe. Die Landschaft ändert sich kaum, der kalte Wind, der uns bei der kurzen Pinkelpause fast umbläst, treibt uns die Tränen in die Augen. Das Thermometer zeigt eine Aussentemperatur von 0 ° C an. Endlich sehen wir ein Tal, und nach 3 Kurven sind wir 700 Höhenmeter weiter unten. Nach einem langen Fahrtag finden wir in einer angenehmen Höhe von 2'000 m ein schönes Übernachtungsplätzchen und richten uns für den Abend ein. Wir sind beide k.o., die Höhe hat bei uns einen gewaltigen Druck im Kopf hinterlassen. Als wir kurz vor dem Einschlafen ein Licht auf uns zukommen sehen, denken wir, da kommt wohl noch wer und will was von uns! Das Licht kommt näher und ich denke noch, der Typ fährt aber schnell auf seinem Fahrrad. Aber nach dem nächsten mal blinzeln stellen ich fest, dass es das Licht des Zuges ist, der sich langsam vom Tal her den Berg hoch kämpft. Wir stehen nämlich 10 m neben den Zugschienen, wohl eine der ersten Zuglinien, die für den Minenbau erstellt wurde.

 
wie ertragreich diese Mine wohl ist?

Als erster Spanier kam Diego de Almagro 1536 über den Paso San Francisco nach Chile. Vorher lebten hier Diaguita-Indianer. Ende des 18. Jhs entdeckte ein Maultiertreiber eine Silbermine, aus der das Edelmetall ungeahnt rein gewonnen werden konnte. Heute noch sieht man an allen Berghängen und an den unmöglichsten Orten kleine und grosse Löcher, alles Silberminen. Doch als wir nach 400 km Einsamkeit in das armselige und staubige Kaff Diego de Almagro einfahren, bleibt uns der Kinnladen offen. Der Silberboom ist längst vorbei und die Leute hier leben in sehr, sehr armen Verhältnissen. Charles Darwin notierte 1835 über diese Gegend: "Es ist aber ein ungemütlicher Ort, und die Wohnungen sind ärmlich eingerichtet. Jeder scheint nur das eine Ziel vor Augen zu haben, Geld zu machen und dann so schnell als möglich auszuwandern. Alle Einwohner stehen mehr oder wenige direkt mit Bergwerken in Beziehung; und Minen und Erze sind die einzigen Gegenstände der Unterhaltung." Meiner Ansicht nach hat sich nicht viel seit Darwins Zeit verändert, ausser, dass der Boom vorbei ist und einige Leute geblieben sind.

 
Jetzt noch trocken, doch am Morgen umhüllte uns der Küstennebel

Wir fahren weiter zur Küste nach Taltal. Doch auch hier ist die Stimmung drückend, arm und trostlos. Doch vielleicht erwacht dieser Ort bald aus seinem Dornrösschenschlaf, da es Pläne gibt, die Ruta 1 als Küstenstrasse von hier bis Antofagasta durchgehend zu asphaltieren, und eine kanadische Minengesellschaft hat sich die Schürfrechte für ein vermutetes Goldfeld in der Nähe gesichert. Schon zur Zeit des Salpeterbooms blühte dieses Dorf und der Hafen war bedeutend für den Norden. 

      
der alte Salpeterpier von Taltal...
      
... wo sich jetzt Braunpelikane tummeln

Unser nächster Stop ist San Pedro de Atacama. Wir unternehmen einen morgendlichen Spaziergang in einen Canyon, wo wir von Felsen springen und Höhlen durchqueren. 

   
und: "Action..."

Wir verweilen ein paar Tage in der Nähe von San Pedro de Atacama und rüsten uns für die nächsten Andenüberquerung; über dem Paso de Jama.

    
Mit der aufsteigenden Morgenwärme geben die Felsen eigenartige Knack-Töne von sich.

Wieder gehen die Grenzformalitäten auf 4'000 m Höhe zügig voran, wobei wir in den grossen windigen Zollhallen mächtig frieren, und wir kommen nach einem anstrengenden Höhen-Fahrtag ins Humahuaca-Tal. Hier leben viele Quechua-Bauern, die jedes Fleckchen Erde für ihre Feldbestellung ausnützen. Auch sehen wir wieder Kühe und Pferde in ihren mit umzäunten Wiesen grasen. Wir suchen deshalb lange, bis wir im Flussbett einen Übernachtungsplatz finden, kurz bevor er dunkel wird. Am nächsten Tag fahren wir immer noch durch die trockene Landschaft, die von hohen und uralten Kakteen übersät ist, bis wir kurz nach San Salvador de Jujuy in eine andere Welt treiben. Es wird grün und tropisch. Wie ist jetzt das passiert? Nach dieser Dürre plötzlich wieder dieses fruchtbare Flora? Doch wir geniessen schweigend und fahren die letzten paar Kilometer nach Salta. 

    
über die Ruta 9 nach Salta

 

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