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Nationalpark los Cardónes

...die, in der wir letztjährigen Wein kosten und tausendjährige Geschichten erzählen   (Folge 109)

Zuerst möchte ich noch eine Korrektur zur letzten Folge (108) anbringen. Nach weiteren Nachforschungen und Feedback der Schlangenexpertin Salome aus der Schweiz haben wir nicht eine Halbmond-Lanzenotter gesehen, sondern eine Boa constrictor. Im nachhinein beruhigt mich das doch ungemein, denn eine Boa ist ja nur eine Würgeschlange! 

 
Hallenbad von Cachi

In Salta stocken wir unsere Lebensmittel auf und fahren nach Cachi. Dieses herzige Dorf liegt auf fast 2'300 m Höhe und hat eine gemütliche Atmosphäre. Der städtische Zeltplatz ist gross und mit einem Hallenbad ausgerüstet. Für mich eine ideale "sportliche" Abwechslung. Das Wasser ist immer schön warm und durch das Glasdach wärmt die Sonne die Luft auf tropisches Niveau. 

 
Die Glocken von Cachi

Durch die Höhe wird es in der Nacht schön kalt. Fast täglich schlendern wir ins Dorf auf die Plaza, wo wir einen feinen Kaffee trinken. Alle zwei Tage treffen wir uns mit Claude und Erika zur Weinverkostung auf der Campingwiese, denn unsern nächsten Halt werden wir in der bekannte Weingegend um Cafayate einlegen, und wir wollen doch gut vorbereitet sein. Die Tage vergehen wie im Fluge und schon sind zwei Wochen vorbei, als wir wieder unseren Motor starten. 

 
Felsformationen zwischen Cachi und Cafayate

Als ich auf dem Cerro Sta. Teresita stehe und auf Cafayate und Umgebung blicke, sehe ich Tausende von abgeernteten Rebstöcke in brauner und trockener Erde stecken. Die hohen, dunklen Berge, die das Tal umgeben haben ein Mikroklima geschaffen, das ideal für den Weinanbau ist. Um mehr davon zu erfahren, besuchen wir die Finca las nubes. 

 
Weinprobe auf der Finca las nubes

Maria begrüsst uns herzlich in ihrem Familienbetrieb und erklärt uns, dass der Weisswein aus der Torrontés-Traube gewonnen wird, die ursprünglich von Spanien kommt. In Europa wurde diese Traubensorte durch eine Reblauspest ausgerottet, doch hier im Norden von Argentinien entfaltet sich diese Traube zur Höchstform. Im Familienbetrieb arbeiten 5 Personen. Die Lese der 3 HA findet an einem Tag statt, dazu werden alle Freunde und Bekannte eingeladen. Im Hof stehen 3 grosse Stahlfässer und im Kühlraum ca. 30 Fässer, die 225 Liter Wein hüten. Fässer aus französischer oder amerikanischer Eiche. Es wird noch alles von Hand hergestellt, auch das Abfüllen in Flaschen, das Verkorken und das Etikettieren.   

 
Finca las nubes

Um einen Kontrast herzustellen, besuchen wir die Bodega El Esteco, die  etwas grösser ist. 

 
Bodega El Esteco

Wir bekommen eine interessante und detaillierte Privatführung auf englisch und werden im ganzen Betrieb rumgeführt. Wir hören, dass das benötigte Wasser zu 20 % vom Fluss entnommen wird und die restlichen 80 % vom Grundwasser, welches aber in 200 - 300 Meter Tiefe liegt. Für die etwa 300 HA werden 2 Monate lang Trauben gelesen, zuerst die Weissen. Die Traube wird dann in einer Zentrifuge von Blatt und Stängel getrennt und der Saft wird in ein riesiges Bad gepumpt. Die weissen Trauben bleiben ca. 20 Tage bei einer Temperatur von 10-15 °C liegen, die roten Trauben für ca. 10 Tage bei einer Temperatur von 20-25 °C. Der Wein wird dann aus dem Bad rausgepumpt und die Reste (Haut und Körner) nochmals ausgepresst und zu billigem Tetrawein verarbeitet. Der Wein kommt nun zur Lagerung in die Chromstahltanks oder in Eichenfässer. Je nach Qualität der Traube und des Weines wird er verschieden lang, zwischen 6-18 Monate, gelagert. Die Weine in den Fässern und in den Chromstahltanks werden aber immer gemischt, je nach Sorte zu verschiedenen Verhältnissen. Die Abfüllanlage läuft hier maschinell. Zum Schluss dürfen wir noch 3 verschiedene Weine degustieren, die uns alle ausserordentlich gut munden.  

 
Museums-Raum der Bodega Etchart

Auch die Bodega Etchart ist gleich hier um die Ecke und die möchten wir uns auch noch ansehen. Doch diese Führung wird uns sehr nüchtern und kurz präsentiert. Nach 15 Minuten sind wir wieder beim Auto. 

 
über Stock und Stein in der Quebrada de Cafayate

Da wir schon in dieser Ecke sind, darf natürlich ein Ausflug zur Quebrada de Cafayate (Cafayate-Schlucht) nicht fehlen. Eine Teerstrasse führt durch diese Traumlandschaft, die der Fluss vor Tausenden-Millionen-oder-so Jahren, durch sein immer währendes Durchfluten geschaffen hat. Die Farben sind intensiv, rot, braun aber auch grau und fast schwarz. Die Formationen regen meine Fantasie an, denn ich sehe ganze Indianerstämme oder auch eine schöne Prinzessin, der aber leider die Nase fehlt. Das Amfiteatro und der Gargante sind zwei wunderbare Felseinschnitte in fast runder Form. Das Echo ist toll und als ich in der Mitte stehe, kann ich mir gut vorstellen, wie früher das Wasser hier durchprasselte und, wie eine Gletschermühle, immer im Kreis der Strömung mahlte. 

 
im Amfiteatro

Wir kommen nach Quilmes und somit in die Vergangenheit. Ein Argentinier-Reisender verbindet Quilmes wohl am ehesten mit dem meistverkauften argentinischen Bier, deren Brauerei 1882 von deutschen Einwanderer gegründet wurde. Der Name stammt von der Ortschaft nahe Buenos Aires, in der sich diese deutschstämmigen Bierliebhaber angesiedelt haben. Der Name der Ortschaft stammt von den Ureinwohnern, die hierhin verschleppt wurden. Doch die Geschichte fängt an einem fernen Ort und in einer fernen Zeit an. Alles begann mit einem schwachen Lama, das vor 1000 Jahren auf der Pazifikseite der Anden herumhumpelte.  

... es war einmal ...

Der Hunger treibt Lele den Berg hoch. So hoch war er noch nie, doch nicht nur er hat Hunger, sondern auch seine Frau Nú, die mit ihrem zweiten Kind schwanger ist. Es sind zwar erst zwei Monde vergangen, doch trotzdem muss sie bei Kräften bleiben. Je höher Lele kommt, desto kälter wird es. Doch er spürt den pfeifenden Wind nicht, er schwitzt und ist im Jagdfieber. Seine 6  Finger greifen fest um den Speer, er spannt seinen ganzen Körper und ist endlich in einer günstigen Position, das Lama, welches er schon den ganzen Tag verfolgt, zu erlegen. Sein erster Wurf ist ein Treffer und das Tier ist sofort tot. Er betet für die Seele des toten Lamas und dankt der Pachamama, der Göttin der Erde, dass er Erfolg hatte und nun den Weg über die Anden mit seiner Familie und dem zusätzlichen Proviant wagen kann. Nun werden sie nicht hungern müssen und können eine neue Heimat suchen. 

Lele, seine Frau, die ihr kleines Kind auf dem Rücken trägt und ihre Eltern, Schwestern und Brüder sind schon viele Tage unterwegs. Sie habe den hohen Berg hinter sich, den Berg mit den vielen Gesichtern und Geistern. Langsam kommen sie wieder in ein Klima, dass sie Abends nicht vor Kälte zittern lässt und sie am Tag schön wärmt. Hier am Fuss des Geisterberges finden sie einen schönen Platz zum Übernachten und vielleicht auch die Gelegenheit, ein paar Ruhetage einzulegen. Die Ruhetage werden zu Wochen, denn Nú bringt ihr zweites Kind zur Welt. Auch finden sie hier Wasser, genug zu Essen und Schutz, da sie vom Fuss des Berges aus eine gute Sicht über das Tal haben. Lele und Nú beschliessen, sich hier niederzulassen und auch die restlichen Familienmitglieder bleiben hier. Zwischen den Kakteen suchen sie sich geeignete Stellen aus, um ihre Hütten zu bauen, die sie aus dem umliegenden Steinen bauen. Die Dächer decken sie mit trockenem Gras. Das muss zwar jährlich ersetzt werden, doch lässt es den Rauch ungehindert durch, wenn sie die Feuerstelle abends benutzen. Die übriggebliebenen Maiskörner säen sie, und das fruchtbare Klima lässt bald saftig grüne Sprösslinge erscheinen. Die paar Ziegen, die noch vorhanden sind, vermehren sich rasch. 

 
Leles und Nús Haus

Mit den Jahren entstehen immer mehr Häuser unter, über und neben ihnen und die Kinder müssen nicht mehr alleine spielen, wie noch in den ersten Jahren. Neben Ziegen sind auch Lamas auf den Weiden, und die Mauer am Fusse des Berges muss nun etwas erhöht werden. Lele ruft die Männe zu einer Beratung zusammen und sie entwickeln einen Plan, wie sie den Zaun erneuern können. Zwei Jahre später umgibt eine dicke und hohe Steinmauer die immer grösser werdende Siedlung. Ein Meisterwerk, welches auch die Inkas zurückschlägt.

 
Quilmes heute 

Nú geht schon etwas gebeugt, ihr schneeweisses Haar weht ihr um ihr faltiges Gesicht. Sie steht mit ihrem Stössel an der Dorfmühle und unterhält sich mit ihren Freundinnen, wie schon seit 40 Jahren. Sie geniesst die wöchentliche Unterhaltung und freut sich, dass die Sonne ihre Haut wärmt. Sie hofft, dass ihre Freundinnen noch etwas länger ihre Körner mahlen, denn ihr Stössel scheint ihr von Woche zu Woche schwerer zu werden und ihr Maismehl wird auch nicht mehr so fein wie noch vor Jahren. Doch für Lele und sie genügt ihre Portion, die sie herstellt. 

    
die Dorfmühle

Dieser Winter ist besonders kalt. Auch das Feuer kann Leles und Nús kalte Glieder nicht mehr wärmen und beiden ist bewusst, dass Pachamama ihre Geister ruft. So spazieren sie in einer speziell kalten Nacht hinaus, hoch in den Berg hinauf und legen sich zur letzten Ruhe hin. In dieser Nacht tobt ein Schneesturm und deckt die beiden mit einer weissen, kalten Decke zu. Lele und Nú erleben nicht mehr, wie ihre starke Siedlungsmauer die Inkas abhält. Sie erleben auch nicht die Niederlagen gegen die Spanier, die den Stamm in die Provinz Buenos Aires deportierte, d.h. sie mussten Hunderte von Kilometern zu Fuss durch die Pampa marschieren. Es kamen nur noch wenige an, die als billige Arbeitskräfte dienten und wegen schlechten Bedingungen bald als eigenständiges Volk verschwanden. Nur noch die Stadt Quilmes bei Buenos Aires erinnert heute mit ihrem Namen an diesen Genozid. Quilmes (Tucumán) im Norden dagegen erinnert an ein Volk von Stärke und Umweltbewusstsein, wie es in heutiger Zeit nicht mehr existiert.

 

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