zurück
       


...die, in der Persien etwas mit Paisley zu tun hat 
(Folge 114)

Bevor ich etwas über unsere Reiseerlebnisse berichte, möchte ich euch einen kurzen Überblick über die ereignisreiche Geschichte von Schottland näherbringen.

Schottland wurde durch Religion und Innenpolitik gespalten, von einem reicheren und mächtigeren Nachbarn begehrt und 400 Jahre lang als Partner im Machtkampf zwischen England, Frankreich und Spanien umworben wie bestraft. Es erlebte Aufstieg und Niederlagen, erwarb sich romantik aus der Tragödie, Genialität aus der Armut und bewies einen ununterdrückbaren Geist.

Die frühesten Siedler waren, wie man annimmt, keltische Iberer, die ihren Weg entlang der Mittelmeerküste nach Schottland fanden und dort vor rund 8000 Jahren ankamen. Etwa 2000 v. Chr. errichteten ihre Nachfahren majestätische Monolithe, die man über das ganze Land verstreut findet. Deren Anordnung bei Callanish auf den Western Isles zeugen von einer fortgeschrittenen Kenntnis der Astronomie. Damals baute man auch unterirdische Rundhäuser und Forts, die auf Invasionen und Kriege verweisen.
82 n. Chr. drangen die Römer in "Kaledonien", wie sie dieses Land nannten, ein, und Tacitus berichtete von Siegen gegen die Pikten (das "bemalte Volk") sowie andere Stämme. Doch gelang es den Römern nicht, Kaledonien zu erobern, ihre Mittel waren zu begrenzt. Stattdessen bauten sie den Hadrianswall. Obwohl das Land vom übrigen Britannien isoliert war, geht man davon aus, dass der ursprüngliche schottische Kilt auf die römische Tunika oder Toga zurückgeht. 400 n. Chr. hatten die Römer ihre nördlichen Vorposten verlassen, Schottland wurde in vier Stämme mit je eigenem König aufgeteilt: die Reichen der Pikten, Briten und Angeln im Süden des Landes sowie der Schotten, der kleinsten, ursprünglich aus Irland stammenden Gruppe im Südwesten.
Im späten 4. Jahrhundert reiste der Schotte St. Ninian nach Rom und baute nach seiner Rückkehr in Whithorn eine Kirche. Er führte in "Dalriada", dem Königreich der Schotten, das Christentum ein.
Die allen gemeinsame Religion erleichterte die Verschmelzung der Stämme. 843 vereinigten sich Pikten und Schotten unter Kenneth MacAlpin. Dabei verloren die einstmals so starken Pikten ihre Eigenständigkeit. Geblieben sind ihre herrlichen Steingravuren mit verworbenen Mustern und eine wundersame Mythologie. 890 begann die verheerenden Wikingerüberfälle. Danach waren die Western Isles 370 Jahre lang, Shetland und Orkney fast 600 Jahre lang besetzt. Die Überfälle veranlassten die Briten, sich "Scotia" anzuschliessen. 1018 wurden die Angeln besiegt, und Schottland wurde zu ersten Mal ein vereintes Königreich.

Unter dem starken Einfluss von Margaret, seiner englischen Frau, vollzog Malcom III (1057-93) die Abkehr von der gällischen Kultur und Sprache, die den grössten Teil Schottlands prägten, und wandte sich der englischen Kultur zu. Diese Kluft wurde unter dem "guten König" David I (1124-53) noch grösser. Auf seinem Land entstanden Städte (Burghs), die für jährliche Abgaben an den König besondere Handelsprivilegien erhielten. Er führte auch ein nationales Rechtssystem sowie Gewichte und Masse ein, und in den Lowlands ein anglonormannisches Feudalsystem. Die Macht Davids I basierte auf einer meist französisch sprechenden Aristokratie und einem System der Landpacht. Der Versuch Davids I, dieses System dem Norden aufzuzwingen, scheiterte, denn dort hatte man seine eigenen "Könige", die Lords der Inseln. In den Highlands entwickelte sich ein anderes, auf Verwandtschaft, d.h. auf Clans basierendes System, Der "Chief" war ein Patriarch, der im Namen seines Volkes Land besass. Diese Position war vererbbar, das Oberhaupt musste sich jedoch seinem Clan gegenüber verantworten und konnte im Unterschied zu den Feudalherren, deren Macht in dem Rechtsanspruch auf ihr Land basierte, durch gemeinsamen Beschluss abgesetzt werden. Dieser Unterschied spiegelte sich auf nationaler Ebene: In England wurde der Monarch als König von England bezeichnet, in Schottland als "King of Scots".

Der Löwe des schottischen Wappens erschien erstmals 1222 auf dem Siegel Alexanders II in einer relativ friedlichen Periode einer ansonsten von Unruhen gekennzeichneten Zeit, in der Schottland mehrmals auseinanderzubrechen drohte. Als die Tochter Alexanders III 1290 im Kindesalter starb, gab es keinen Thronfolger. Edward I von England setzte einen Marionettenkönig ein, befehligte 1296 eine Invasion und verschleppte den "Schicksalsstein", den schottischen Krönungsthron, nach London. Schottland lag am Boden und schien verloren. Doch William Wallace führte einen Aufstand an und entfachte bis zu seiner Gefangennahme und Hinrichtung sechs Jahre später die Hoffnung der Schotten neu. Robert the Bruce stellte eine Armee auf, die mit ihrem Sieg über die Engländer in der Schlacht von Bannockburn bei Stirling am 23. Juni 1314 den Lauf der Geschichte veränderte: Die Schotten sahen sich einer übermächtigen englischen Armee gegenüber, die weitaus bessere Waffen besass. Doch Bruce hatte Schauplatz und Strategie klug gewählt, und die Schotten errangen trotz der geschickten Bogenschützen und Kavallerie Englands den Sieg. Die Unabhängigkeit Schottlands war zurück gewonnen, doch erst 1329 wurde ihr souveräner Status durch eine päpstliche Bulle anerkannt. Dennoch dauerten die Kriege mit England weitere 300 Jahre an.

1371 begann die Dynastie der Stuarts, einer mit Intelligenz und Gespür gesegneten, aber für Tragödien anfälligen Familie. James I führte Rechtsreformen durch und gründete die erste Universität. James III heiratete die Tochter von König Christian von Norwegen und gewann damit Orkney und Shetland. James IV beendete seine Herrschaft durch eine Fehleinschätzung in der Schlacht von Flodden, in der 10'000 Schotten umkamen. Die berühmteste der Stuarts war Mary, Queen of Scots (1543-87), die den Thron schon als Kind bestieg.
Die in Frankreich erzogene Mary war schön, intelligent und geistreich, ihre Herrschaft aber nicht unproblematisch. Sie war Katholikin in einem Land, das zum Protestantismus überwechselte, und eine Bedrohung für Elizabeth Im deren Anspruch auf den englischen Thron umstritten war. Marys unkluge Wahl ihrer Ehemänner befremdete potenzielle Anhänger.
Als sie mit 18 nach Schottland zurückkehrte, war Mary bereits die Witwe des französischen Thronerben. Nur sechs turbulente Jahre war sie Schottlands Königin. sie heiratete erneut, es kam jedoch zu einem Skandal, als ihr zweiter Ehemann ihren Sekretär ermordete und danach sich selbst. Sie heiratete ein drittes Mal, jedoch akzeptierten weder die Kirche noch die Öffentlichkeit diesen Schritt. Nach ihrer Entthronung und Gefangennahme floh Mary nach England, wo sie jedoch weitere 18 Jahre lang eingesperrt und schliesslich auf Befehl ihrer Cousine Elizabeth hingerichtet wurde.

Marys Sohn, James VI, hatte 36 Jahre lang regiert, als er englischer Thronfolger wurde. 1603 verlegte er seinen Hof nach London (wohin er seine Golfschläger mitnahm). Schottland behielt zwar sein eigenes Parlament, fand es wegen der restriktiven englischen Gesetzte aber immer schwieriger eigenständig Handel zu treiben.
James VII wurde 1698 abgesetzt und floh nach Frankreich. 1707 wurde die Union ausgerufen und das schottische Parlament aufgelöst.

1745 landete Prinz Charles Edward Stuart, Enkel James' VII, mit sieben Männern heimlich an der westlichen Highland-Küste. Die von Frankreich versprochene militärische Unterstützung blieb jedoch aus. Sein Aufruf zur Entmachtung des hannoveranischen Usurpators George II stiess bei den Highland-Chiefs auf wenig Resonanz. Zudem wurde sein erstaunlich erfolgreicher Vorstoss durch die unentschlossene Führung vereitelt. Die Rebellenarmee stand schon 200 Kilometer vor London, als sie sich plötzlich mutlos zurückzog. Bei Culloden, nahe Inverness, besiegte die hannoveranische Armee (mit vielen Schotten, da dies keine Frage des Nationalismus war) die Jakobiten (Stuarts) am 16. April 1746. Bonnie Prince Charlie wurde sechs Monate lang fieberhaft verfolgt, trotz einer ausgesetzten Belohung von 30'000 Pfund aber nie verraten.

Culloden war der Wendepunkt in der Geschichte der Highlands. Die Schlacht wurde mit unglaublich repressiven Massnahmen vergolten. Ein Gesetz verbot das Tragen von Tartans und Waffen sowie das Dudelsackspielen. Die Blutsbande zwischen Oberhaupt und Volk wurden zerschlagen und eine Gesellschaftsform vernichtet. Die Chiefs übernahmen die Rolle der Feudalherren, und das Land, das sie einst im Namen des Volkes besessen hatten, wurde ihr Privateigentum. Als sie befanden, dass ihr Land günstig für die Schafzucht sei, wurden die dort lebenden Menschen verjagt. ("Highland-Clearances").
Die Auseisung oder "Entvölkerung" begann um 1760. Manchmal ging sie dank finanzieller Anreize friedlich vonstatten, meist wurde sie aber mit Gewalt und Brandschatzung erzwungen. Die bekannteste fand 1814 auf den Ländereien des Herzogs von Sutherland statt. Als um 1860 durch Königin Victoria die Highlands, die Hirschjagd und Sportgelände der letzte Schrei wurde, waren die Täler Schottland so verlassen wie heute.
(Quelle: Vis-à-Vis Schottland)

   
Trockenmauer, Lebensraum für viele kleine Tiere

Schottland erwartet uns mit typischem Wetter - feucht und nass. Wir besuchen zuerst den Galloway Forest Park mit seiner zarten Hügellandschaft und den Seen, und fahren zum Höhepunkt, dem Loch (See) Trool. Wir nutzen den nächsten Tag zu einer 3-stündigen Wanderung um den See, natürlich in Regenmontur. Zwischendurch geben die tief hängenden Wolken einen kleinen Platz frei, damit die Sonne kurz hindurch scheinen kann, doch sobald wir den Fotoapparat zur Hand haben, um ein Bild zu schiessen, tröpfelt es schon wieder. Der See liegt zwischen Hügeln und Bergen und ist mit wunderschönem Nadel- und Mischwald umgeben. Die gelb, nassen Blätter glitzern, sobald ein Sonnenstrahl sie berührt und verzaubern das dunkle Tal in eine leuchtende Oase. Der Waldboden ist feucht, struppige zähe Grashalme eignen sich um auf ihnen an den vielen Sumpflöchern vorbeizugehen. Trotzdem kommt immer wieder ein lautes schmatzendes Geräusch von unseren Schuhen. Wir kommen am Hang vorbei, wo Robert the Bruce 1307 die englischen Truppen besiegte.

Wer kennt es nicht, das Paisley-Muster. Ich habe mir bis heute keine Gedanken gemacht, wieso dieses Muster nun diesen Namen trägt. In der Stadt Paisley, ein Vorort von Glasgow, besichtigen wir das Museum, um mehr über diese tropfenförmigen bunten Muster zu erfahren.
Der Ursprung des Paisley-Muster entstand in Persien, wo es durch Mogule nach Indien gelangte. Soldaten brachten aus der Kolonie Indien Kaschmir-Schals, die mit einem wunderschönen Tropfenmuster bestick waren, nach Grossbritannien mit. Königin Victoria gefielen die mit Paisleymuster bestickten Tücher aus Indien und kreierte damit einen Modetrend. Viele Webereien in Europa haben diese wunderbaren grossen Tücher, die früher den Frauen von den Schultern bis in die Kniekehle reichten und eine Länge von gut zwei bis drei Metern hatten, hergestellt, meist für die Oberschicht. In Paisley selber wurde für die breite Bevölkerung gewoben, d.h. wesentlich billiger und mit heimischer Wolle. So wurde das Tropfenmuster, das traditionell in verschiedenen Rottönen gehalten wurde, in allen Farben weltbekannt. Die Weber allerdings arbeiteten hart und hatten oft nur das nötigste zu Leben. Als die grossen Tücher aus der Mode kamen, verschwand die Textil-Industrie in Paisley fast ganz.

  
       

Als wir aus dem Museum kommen, scheint uns die Sonne ins Gesicht. Wir nehmen dies als Aufforderung zu Fuss durch das herzige Städtlein zu schlendern und die windschiefe Abbey zu besuchen. Doch es dauern nur einige Minuten, bis Wolken wieder die Sonne verdeckt, ein Wind aufkommt und es zu regnen beginnt. Wir suchen im Kreuzgang der Abbey zuflucht und sehen, wie eine Windböe rot gefärbte Blätter mit einem Sog vom Boden aufhebt, sie zuerst nur sanft ein paar Meter über dem Boden wiegt und dann hoch in die Luft wirbelt, bevor sie sachte wieder zu Boden gleiten. Ich höre ein Summen und stelle mir vor, auch Fussgetrappel von den Mönchen zu hören. Der Krimi von Ellis Peters schleichen sich wieder in meine Gedanken. Ich stosse das grosse Holzportal zur Abbey auf und erschaudere, denn es kommt ein wunderschöner Gesang aus der Kirche. Ein Sänger gibt ein Konzert vor ausgesuchtem, kleinen Publikum. Seine geschulte Stimme erklingt wunderschön in diesem hohen Gemäuer.

 

      
Paisley-Abbey

Bei sehr nassem Wetter geht es für uns weiter. Wir umrunden das 40-km-lange Loch Awe und bekommen Ehrfurcht, da ein starker Wind an unserem Auto rüttelt und die tief liegenden Wolken, die immer fleissig Tropfen nieder lassen, über den Himmel jagen. Am nächsten Tag haben wir einen milden Herbsttag und fahren die zerstückelte Küste entlang bis nach Oban. Unterwegs halten wir für eine feine und megafettige Portion Fish & Chips, die wir genüsslich am Hafen auf einer Bank essen. Nicht nur wir geniessen den Sonntag. Es sind viele Leute unterwegs, die meisten noch in Sommerkleider und die sockenlosen Füsse in Sandalen steckend. 

Das Glen Coe ist mit Sicherheit ein Höhepunkt jeder Schottlandreise. Sei es zum Wandern, zum Skifahren, zum Durchfahren und Fotografieren oder um sich der Geschichte Schottland etwas näher zu fühlen. Glen Coe ist auch bekannt durch das Massaker, das hier 1692 stattfand. Der Chief der MacDonalds aus Glen Coe sollte einen Treueeid auf William III schwören und verspätete sich dabei um fünf Tage. Dies gab der Regierung einen geeigneten Vorwand, um das Zentrum der Jakobiten zu zerschlagen. 130 Soldaten wurden von den ahnungslosen MacDonalds zehn Tage bewirtet. Am Morgen des 13. Februar überfielen die Soldaten ihre Gastgeber und 38 MacDonalds wurden getötet, viele flohen in die Berge und kamen dort um. Dieser blutige Vertrauensbruch wurde zum politischen Skandal.

 

   
dunkle Wolken im Glen Coe

Wir kommen von der Ostseite im dichten Nebel, der Schneegraupel mit sich trägt, ins Glen Coe. Auf der Höhe tut sich der Himmel auf und wir sind sprachlos. Zwischendurch trifft ein einzelner Sonnenstrahl auf den See und bringt ein Strahlen über das ganze Tal. Doch gleich ist der Zauber vorbei und die tiefen Wolken verdecken die Sonne wieder und ziehen schnell weiter.

   
Glen Coe, Blick nach links

Der frisch gefallene Schnee funkelt von den Bergen umso mehr, als sich hinter den Giganten wieder ein neuer Schneegraupelsturm zusammenbraut. Fünf Minuten später sieht die Welt wieder ganz anders aus.

   
  Glen Coe, ein paar Minuten später, Blick nach rechts  

Am Ende des Tales kommen wir zu den "three sisters" und fahren auf Fort Williams zu.

   
  three sisters  

Im Touristeninformationszentrum von Ben Nevis bekommen wir detaillierte Unterlagen zu den Wanderungen, die hier unternommen werden können. Die Wettervorhersage für morgen ist, naja, so wie heute. Von allem ein bisschen. Doch für Uebermorgen und die Tage danach sieht es übel aus, starker Wind und Regen. Am nächsten Tag, wir haben den 22. Oktober, steigen wir wieder mal in unsere Wanderschuhe, denn die Sonne scheint vom Wolken bestückten Himmel. Der Ben Nevis, der höchste Berg von England mit seinen stolzen 1344 Metern, steckt mit seiner oberen Hälft tief in den Wolken, für uns ein Zeichen, eine ruhigere Wanderung, die nicht so hoch hinaus geht, anzutreten. Wir laufen sozusagen um die Rückseite des Ben Nevis, zuerst zu einem Wasserfall und dann weiter in ein atemberaubendes Tal hinein. Wir sind die einzigen auf dem Pfad, doch als wir auf dem Rückweg wieder zum Wasserfall treffen, kommen uns Schwärme von Touristen entgegen. Kaum sind wir zurück beim Auto und parat für einen kleinen Einkaufbummel in Fort Williams, da fängt es auch schon an zu regnen. Den nächsten Tag nutzen wir als Versorgungstag. Zuerst füllen wir in einer Laundery eine Maschine mit unserer Wäsche. Solche Waschsalons hat es hier in jedem grösseren Ort und sind für uns sehr praktisch. Ich würde ja die Wäsche vor Hand waschen, nur würde sie bei diesem Wetter nie trocknen. Zum Glück hat der Waschsalon auch Stühle, denn es ist draussen windig, regnerisch und kalt. Zum Versorgungstag gehört auch tanken, Wassertank füllen, einkaufen (was ich besonders gerne tue, denn in diesen grossen Supermärkten gibt es immer etwas Neues zu entdecken) und noch zur Kaffee- und WiFi-Station beim MacDonald's. Wir fahren wieder zurück zu unserem Übernachtungsplatz am River Nevis, wo wir die vorigen zwei Nächste schon standen. Uns ist schon aufgefallen, dass der Wind stark über das Land zieht, doch dass wir das Dach deshalb nicht öffnen können, hätten wir uns nicht träumen lassen. An unserem gemütlichen Plätzchen windet es von allen Seiten, das Rauschen in den Bäumen dröhnt uns in den Ohren und wir entschliessen, diese Nacht im Hostel zu verbringen. Im Nachhinein war dies wohl einer unserer besseren Ideen gewesen, der der Sturm und der Regen nahm extrem zu. Wir haben ein paar Tage später in der Zeitung gelesen, dass es in allen Teilen Englands ungewöhnlich stark geregnet hat. Im Lake Distrikt mussten die Behörden alle Teilnehmer eines Marathonlaufes, der schon voll im Gange war, evakuieren, da die Flüsse anschwollen, über die Ufer traten und viele Stellen unter Wasser setzten. Wir jedoch geniessen den Abend im Hoste, mit einem Buch auf dem Schoss und einem Glas Whisky in der Hand vor dem warmen Kaminfeuer.
Übrigens: Hier in dieser Gegend wurden Szenen aus Braveheart, Rob Roy und Harry Potter und der Stein der Weisen gedreht. Für alle Jamie und Clair-Fans; vom Fort, das dieser Stadt den Namen gab, ist nicht mehr viel zu sehen. Es wurde im 19. Jh. abgerissen, um der Eisenbahn platz zu machen. Was sagt man denn dazu?

Wir fahren in ein paar Tagen quer durchs Land, streckenweise entlang dem River Dee, besuchen schon mal zwei Whisky-Destillerien, doch dazu in einer anderen Erzählung mehr, und kommen nach Aberdeen. Aus den Bücher von James Clavell mit den Titeln Tai-Pan, Gai-Jing, Nobelhaus-Hongkong und Wirbelsturm kommt mir immer wieder die Stadt Aberdeen in den Sinn. Aber auch aus dem erst kürzlich gelesenen Roman Teeclipper spielen die Handlungen in Aberdeen. Was mir noch in Erinnerung blieb waren viele Helikopter, Ölförderung und Schiffbau. Somit steuern wir zuerst das wunderschöne, interessante und sehr anschauliche Maritime Museum an. Das Parkieren gestaltet sich etwas schwierig, da in der Nähe kein Parkplatz ist ausser ein Parkhaus, in das wir wegen unserer Höhe nicht hineinkommen. Wir sind heute mal frech und parkieren vor dem Museum, denn dort hat es wunderbarerweise Platz. Mich beeindruckte die Ausstellung der Ölplattformen, bzw. der Ölförderung sehr. Im Juni 1975 floss das erste Öl auf einer englischen Bohrinsel aus der Nordsee. Als in den 70-80 Jahren die meisten Plattformen entstanden, arbeiteten 36'000 Leute offshore. Doch für jeden Mann auf einer Bohrinsel arbeiteten etwa 7 Personen für die Verpflegung und den Service an Land. Die Experten sind der Meinung, dass wahrscheinlich die Hälfte des Nordsee-Erdöls schon gefördert wurde. Somit wird Aberdeen bis 2040 weiterhin ein Zentrum der Ölindustrie bleiben. Was mir ebenfalls sehr gut gefallen hat, sind die vielen wunderschönen Bilder (Aquarell und Öl), die ausgestellt waren. Natürlich war auch eine Etage für den Schiffsbau reserviert, und die vielen Modelle und Anschauungsobjekte waren sehr lebensnah dargestellt. Wir sind schon viel zu lange im Museum, unser Auto steht im verbotenen Bereich, wie uns die Museumsdame noch mitteilt. So schnappen wir uns noch einen Kaffe zum mitnehmen und gehen aus der Drehtür. Witzig, vorher war unser Auto alleine, nun stehen mind. zehn weitere parkiert, alle schön in der Reihe. Und, ein paar Autos vor uns beginnen schon zwei "Schuggis", die Autonummern zu notieren. Für uns heisst das; nichts wie weg.

Wir finden am Strand etwas nördlich von Aberdeen, dort wo Donald Trump ein riesiges Imperium an Hotelanlagen, Golfplätzen und sonstiges erbauen will, wo aber heute noch unberührte Sanddünen in der Abendsonne strahlen, ein wunderschönes Übernachtungsplätzchen. Wir sind erstaunt, als wir am nächsten Morgen aufwachen.
 

     
  Am Strand von Aberdeen am nächsten Morgen...  

   

zurück